Im Zuge unserer Ausgabe zum Thema Nachhaltigkeit haben wir Leser zur Glaubwรผrdigkeit von Zertifizierungen befragt. Einer davon sagt sogar: โWirklich faire Produkte haben kein Label, sondern sind direkt vom Erzeuger.โ Dazu lassen wir hier Dr. Steffen Schwarz von Coffee Consulate seine Meinung zum Thema nachhaltiger Kaffee erklรคren: Die Geschichte von โFairtrade, Bio & Co.โ und der Suche nach โgutem Kaffeeโ:
Es war einmal ein Kaffeetrinker, der wollte guten Kaffee trinken. Der Kaffee sollte sรผร, vollmundig und mit nur wenig Bitterkeit sein; seine Aromen sollten von exotischen Frรผchten, Nรผssen und ยญKaramell bestimmt werden. Doch der Kaffeetrinker wollte noch mehr โ der Kaffee sollte ohne Schรคden an der Natur und unter guten Arbeitsbedingungen angebaut, sowie frei von Pestiziden und Fungiziden sein. Doch wie sollte er einen solchen Kaffee finden? Woher konnte er wissen, wie sich das Geschmacksprofil des Kaffees darstellte und wie er angebaut und produziert worden war? Sicherlich kรถnnte er alle diese Informationen auf den Verpackungen finden โ und so machte er sich auf, guten Kaffee zu finden.
Lange suchte er auf den Verpackungen nach Hinweisen der Rรถstereien, konnte aber nur wenige brauchbare Informationen entdecken. Fast alles war von Preisen und Sonderangeboten geprรคgt โ fast schien es ihm, als ob beim Kaffee nur der Preis zรคhlte, bis er einen merkwรผrdigen Hinweis fand: โ100 % Arabicaโ lautete die Aufschrift โ und das musste wichtig sein, denn es wiederholte sich auf vielen Verpackungen und wurde immer sehr prominent platziert. Bunte Bilder und Fotos zeigten Menschen: glรผckliche, lachende Kaffeebauern und Kaffeepflรผcker, die in feinsten Trachten in Landschaften mit prรคchtigen Kaffeepflanzen voller reifer, roter Kaffeekirschen standen. Reine Idyllen in tropischen Paradies-Landschaften. Schlieรlich fielen ihm viele kleine Logos auf, die fair gehandelten, vogel- oder tropenwaldfreundlichen sowie biologisch angebauten Kaffee versprachen. Und so zog er glรผcklich mit seinem Kaffee, den er im Angebot fรผr 12 Euro fรผr ein Kilogramm gekauft hatte, nach Hause.
Eine kleine Rechnung
Ungefรคhr so kรถnnte die Geschichte vom Kaffeetrinker klingen, der guten Kaffee trinken wollte und auf โNachhaltigkeitsversprechenโ hereinยญgefallen war. In den meisten Fรคllen wรคre es wohl realistischer und ehrlicher von โNachhaltigkeitsversprechernโ zu sprechen โ im besten Fall von frommen Absichten oder Absichtserklรคrungen. Obwohl jedem klar sein muss, dass ein Kilogramm Kaffee, das fรผr 12 Euro angeboten wird, nicht nachhaltig sein kann, mรถchten viele Verbraucher (und auch die Industrie) gerne das ยญGefรผhl haben (oder verbreiten), dass dies dennoch der Fall ist. Machen wir uns doch einmal die Situation fรผr den Bauern in einer kleinen Rechnung klar.
Um ein Kilogramm Rรถstkaffee zu erhalten, mรผssen rund 1,2 Kilogramm Rohkaffee gerรถstet werden. Die Rรถstkaffeesteuer betrรคgt 2,19 Euro je Kilogramm Rรถstkaffee. So bleiben 9,81 Euro fรผr das Kilogramm Kaffee abzรผglich der Rรถststeuer รผbrig. Die Einfuhrumsatzsteuer fรผr den Rohkaffee betrรคgt weitere 7 Prozent.
Nach Schรคtzungen verschiedener Organisaยญtionen teilen sich die Kosten und Umsatzanteile fรผr Kaffee wie folgt auf: 14-26 Prozent Erzeuger (Kaffeebauer, Kooperative), 8-18 Prozent Import und Verarbeitung (Fracht, Lagern, Rรถsten, Verpacken), 18 Prozent Steuern und Lizenzen (Kaffeesteuer, MwSt., Grรผner Punkt), 26 Prozent Handelsorganisation (Vertrieb, Personal, Raum) sowie 22-24 Prozent Groร- und Einzelhandel (Handelsspanne).
Daraus ergรคbe sich ein Anteil von 1,40 โ 2,60โEuro je Kilogramm Rohkaffee fรผr den Bauern โ was damit bereits weit unter den Produktionskosten von Kaffee fรผr rund 60-70 Prozent der Kaffeeproduzenten liegt.
In Anbetracht dieser Situation und Preise fragt man sich, wie solch ein Handeln in der Kaffeebranche nachhaltigen Grundlagen entsprechen kann. Wie kann irgendetwas โfairโ gehandelt sein, wenn der Verkaufspreis nicht einmal die Produktionskosten deckt? Was sind all diese bunten Siegel und Zertifikate vor diesem Hintergrund wert? Handelt es sich nicht schon lรคngst um moderne โAblassbriefeโ, die nur der Beruhigung des eigenen Gewissens oder als schaler Nachweis ethisch korrekten Handelns dienen?
Keine Garantie
Es lohnt sich auch einmal genau nach den Rahmenbedingungen und Bestimmungen fรผr diverse Zertifikate zu recherchieren. Es ist erschreckend, in den meisten Fรคllen klar nachlesen zu kรถnnen, wie wenig nachhaltige Handlungsweisen tatsรคchlich erforderlich sind oder welche Bedingungen bestehen, um die meisten verbreiteten Siegel tragen zu dรผrfen. Die Argumentation, solche Bestimmungen wรผrden dafรผr sorgen, dass es den Farmern oder Pflรผckern zumindest etwas besser ginge, erscheint fast schon wie Hรคme, denn sie dienen eher der Irrefรผhrung von Verbrauchern und der Entmachtung der Mรถglichkeiten der Kunden, durch bewusste Kaufentscheidungen etwas an der Situation von Erzeugern รคndern zu kรถnnen. Der gesunde Menschenverstand sollte indes jedem Kรคufer bereits beim Preis klar signalisieren, dass es sich bei vielen Produkten niemals um ein nachhaltig erzeugtes Produkt handeln kann โ trotz noch so vielen bunten Bildern auf den Verpackungen. Leider bedeuten hohe Preise aber nicht zwangslรคufig, dass Farmer oder Pflรผcker einen hรถheren oder wesentlich besseren Preis fรผr ihren Kaffee erhalten.
Auch der โdirekte Handelโ, sofern die Produzenten und Kaffees nicht klar im Detail nachvollziehbar oder erkennbar sind, stellt alleine noch keine Garantie fรผr besseren Kaffee dar. Auch hier haben gewiefte Geschรคftemacher lรคngst einen Markt fรผr sich entdeckt. Plakative Angaben von Preisen, die zu gewissen Punkten des Handels entrichtet wurden, helfen ebenso wenig sicherzustellen, dass der Erzeuger oder die auf den Farmen beschรคftigten Arbeiter gerecht und fair entlohnt wurden. Allzu vereinfachte Modelle sind wie meist bei starken Vereinfachungen im Grundsatz falsch oder ungรผltig. Niemand nimmt uns als Verbrauchern also ab, selbst zu hinterfragen, selbst kritisch und mit gesundem Menschenverstand abzuwรคgen, ob Produkte nachhaltig sind.
Nachhaltiger Kaffee
Nachhaltigkeit bezeichnet im Kern einen anhaltenden Gleichgewichtszustand, die Tatsache, so zu leben und zu wirtschaften, dass nicht mehr Ressourcen aus der Natur entnommen, als neue geschaffen werden. Nachhaltige Landwirtschaft ermรถglicht es den Erzeugern und deren Nachfahren, in einer mindestens so intakten und guten oder sogar besseren Umwelt und unter verbesserten Lebensbedingungen zu leben, als es gegenwรคrtig der Fall ist.
Nachhaltiger Kaffee schmeckt in der Tat besser als andere Kaffees โ er wurde nicht รผberdรผngt und wuchs zu schnell, und zeichnet sich daher durch einen groรen Aromenreichtum und -intensitรคt aus. Zeit, also endlich mehr wirklich โguten Kaffeeโ zu trinken.
Es lohnt sich also bewusster โhinzuschmeckenโ und auch mit gesundem Menschenverstand kritisch zu prรผfen, was รผber den Kaffee und seine Produktionsbedingungen angegeben wird und ob der Preis einleuchtet โ dann steht einem โguten Kaffeeโ nichts im Wege.
In unserem Magazin Kaffee & Co. setzen wir uns immer wieder mit dem Thema nachhaltiger Kaffee auseinander, auch in der vergangenen Ausgabe. Werfen Sie immer wieder mal einen Blick rein!
Quelle: B&L MedienGesellschaft