Um sich den Traum vom eigenen Hotel zu erfüllen, ließ Antonella Rösch ihr altes Leben hinter sich. Heute bilden ihr Hotel am Bach und sie eine Einheit.
Antonella Rösch im Interview
Frau Rösch, wie sind Sie in die Hotellerie gekommen?
Durch eine Disbalance in meinem Leben. Ich wollte schon immer mit Menschen arbeiten und machte daher eine Ausbildung als Krankenschwester, eine Zusatzausbildung in der Intensivmedizin sowie diverse Weiterbildungen. Über 28 Jahre arbeitete ich in der Medizin, es folgte ein Aufbaustudium nebenberuflich, später habe ich beim MDK als diplomierte Sachverständige für Pflege gearbeitet. Ich begutachtete Menschen und Wohnumfeld, schrieb Pflege- und Sozialgerichtsgutachten, hauptsächlich für Kinder und Intensivpatienten. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass das Gleichgewicht nicht mehr stimmt. Das Leid habe ich nicht mehr verkraftet.
Vor einigen Jahren kam dann das Angebot, das Refugium einer berühmten Musiker-Familie in Wien zu übernehmen, um daraus ein Kleinod zu erschaffen. Ich entschied ich mich am Ende zwar dagegen, erarbeitete jedoch das Konzept, erstellte mit Hilfe die Webseite und baute ein Netzwerk auf. Zunächst war ich weitere drei Jahre im medizinischen Bereich beschäftigt, bis mich das Hotel hier in Hinterzarten gefunden hat. Ich habe es nicht aktiv gesucht, mich aber schnell in das Haus, das damals zu verkaufen war, verliebt und mich entschieden, mein bisheriges Leben aufzugeben. Meinen sicheren Job im öffentlichen Dienst habe ich gekündigt, meine Familie und ich haben unser Haus verkauft. Wir haben mutig alles aufgegeben und sind in die Fluten gestürzt.

„Meinen sicheren Job im öffentlichen Dienst habe ich gekündigt, meine Familie und ich haben unser Haus verkauft. Wir haben mutig alles aufgegeben und sind in die Fluten gestürzt.“
Antonella Rösch
Was waren oder sind Herausforderungen für Sie?
Es gab viele Herausforderungen, zum Beispiel beim Hauskauf. Wir sind hier reingestürzt und die Finanzierung war noch nicht einmal geklärt. Ich musste die Männer-Domäne, die Welt der Bänker und Finanziers, erst einmal von meinem Konzept überzeugen. Am Ende waren alle positiv überrascht. Sie meinten dennoch: ‚Frau Rösch, Sie sind ja schon 50.’ Letztendlich machte unsere Hausbank trotzdem mit.
Was an Widrigkeiten geblieben ist, ist das Thema Personal. Ich habe gemerkt, dass auch hier nichts Planbares möglich ist. Trotzdem bin ich voller Zuversicht. Es geht immer eine Tür auf und es passiert immer wieder ein Wunder. Diese Erkenntnis stärkt mich. Ich lasse mich nicht unterkriegen. Ich versuche, mir keine Sorgen zu machen, denn ich weiß, das, was kommt, wird am Ende gut für mich sein.
Was unternehmen Sie, um Personal zu finden?
Ich habe viel Geld in Anzeigen investiert. Dabei habe ich versucht, diese durch Text und Bilder von anderen Annoncen abzuheben. Beim Arbeitsamt war ich sogar persönlich vorstellig, damit die Sachbearbeiter wissen, wer ich bin und wie ich ticke. An Hauswirtschaftsschulen habe ich selbst Aushänge hingebracht. Ich frage überall nach, auch an jeder Kasse oder Tankstelle. Und wir posten regelmäßig über Social Media.
Wie beschreiben Sie die Corporate Identity Ihres Hauses?
Ich möchte Menschen ansprechen, die auf der Suche sind und sich im Urlaub energetisch auftanken möchten. Viele wollen hier einfach die Seele baumeln lassen, wandern gehen oder mit dem Rad losfahren. Ich habe hier einen Kraftort geschaffen – beziehungsweise war es schon einer, aber ich habe ihn noch ausgeschmückt und mich selbst reingebracht.
Manche Menschen fragen mich, warum ich kein elektronisches Schlüsselsystem an der Türe habe, mit dem sich die Gäste selbst einchecken können. Aber ich empfange die Gäste lieber persönlich, begrüße sie und stelle mich als Gastgeberin vor. Ich führe sie durch das Haus, erzähle ihnen dessen Geschichte, zeige ihnen die Räumlichkeiten und den Garten, führe sie zu den Zimmern. Es ist so wichtig, dass die Menschen wissen, wo sie ihr Haupt betten. Das Einchecken zelebriere ich. Das ist auch Teil meiner CI.
Mein Konzept ist es, eine Heimat oder ein Zuhause-Gefühl für Leute im Urlaub zu schaffen, die dann gerne wiederkommen möchten. Für mich ist das Gesamtpaket wichtig. Den Geist und die Seele dieses Hauses zu spiegeln, zu verkörpern und zu verkaufen ist für mich fast wie ein Wunder. Menschen erkennen diesen Wert und viele sind bereit, das auch zu bezahlen. Gewinnmaximierung ist dennoch nicht mein oberstes Ziel. Die Liebe zu den Menschen machen mich und mein Haus aus.
Wie wichtig ist es für ein Hotel, eine eigene CI zu besitzen?
Eine Corporate Identity ist das Fundament, der Geist und die Seele eines Objektes. Man muss seine eigene CI unbedingt herausfinden. Die gelebten Werte spiegeln die CI wider. Seine eigenen Stärken zu erkennen und an den eigenen Schwächen zu arbeiten – das ist ein stetiger Fluss der Entwicklung, auch in der CI.
Haben Sie einen Tipp für angehende Kollegen, die ihr eigenes Hotel gründen wollen?
Man sollte sehr genau hinschauen, worin die eigenen Beweggründe liegen, um ein Hotel zu eröffnen. Ich finde es wichtig zu erkennen, was den eigenen Antrieb darstellt. Man sollte sich selbst reflektieren und sehen, wo zum Beispiel die eigenen Stärken liegen und aus welchem Grund man etwas unternehmen möchte. Sachlich, wertschätzend und respektvoll mit jeder Begegnung umzugehen, ist eine Kunst. Diese will erlernt und gepflegt werden.
Und was treibt Sie an?
Meine Motivation ist die Liebe zu meiner Familie. Diese gibt mir Kraft. Aber auch die Verbindung zur geistigen Welt stärkt mich. Außerdem bestätigt mich die Begeisterung und die Wertschätzung der Gäste. Die Menschen erzählen hier viel und öffnen sich. Ich darf immer wieder die Erfahrung machen, dass ich zu den Menschen Schlüssel finde.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Kleinod fürs Gemüt
Einen Ort, an dem Besucher ihre Seele baumeln lassen können,
schuf Antonella Rösch mit dem Hotel am Bach.
Einblicke in das Haus gibt es im Hotelportrait Kleinod fürs Gemüt.
Quelle: B&L MedienGesellschaft