Quelle: Janosch Gruschczyk/Innovationsraum NewFoodSystems

Insektenbasierte Lebensmittel: Studie zeigt, warum Natürlichkeit die Kaufbereitschaft steigert

Insekten als Proteinquelle stehen seit einigen Jahren im Fokus von Forschung und Lebensmittelwirtschaft. Eine aktuelle Untersuchung der Universität Kassel zeigt nun, welche Faktoren die Akzeptanz insektenbasierter Lebensmittel bei Verbrauchern maßgeblich beeinflussen und welche Kommunikationsstrategien den Markteintritt erleichtern. Eine zentrale Erkenntnis lautet: Der Hinweis auf Natürlichkeit steigert die Kaufbereitschaft stärker als Nachhaltigkeits- oder Proteinargumente.

Verbraucherstudien zur Akzeptanz insektenbasierter Lebensmittel

Im Projekt „Pr:Ins“ („Pr:Ins – Ganzheitliche Bewertung von alternativen Proteinquellen unter besonderer Berücksichtigung von Insekten“) stand die Frage im Mittelpunkt, wie Potenziale von Insekten als ressourcenschonende Proteinquelle so kommuniziert werden können, dass Verbraucher sich auf entsprechende Lebensmittel einlassen. „Wir wissen, dass Insekten ernährungsphysiologisch überzeugen und in weiten Teilen ressourcenschonender sind als klassische Tierhaltung“, sagt Dr. Benedikt Jahnke, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Agrar- und Lebensmittelmarketing der Universität Kassel und einer der Projektleiter. „Die entscheidende Frage lautet jedoch: Wie gelingt es, diese Potenziale so zu kommunizieren, dass Menschen sich darauf einlassen? Genau das haben wir im Projekt ‚Pr:Ins‘ untersucht.“

Im Zentrum der Forschung standen zwei groß angelegte Verbraucherstudien, die untersuchten, wie unterschiedliche Kommunikationsbotschaften, Produktmerkmale und Verpackungsgestaltungen die Wahrnehmung und Kaufbereitschaft für insektenbasierte Lebensmittel beeinflussen. Die Untersuchungen zeigten, dass der Hinweis auf Natürlichkeit und die Prüfung durch eine unabhängige Institution das größte Vertrauen erzeugen und am stärksten akzeptanzfördernd wirken. Nachhaltigkeitsargumente oder der Verweis auf Nährwertangaben in Bezug auf insektenbasierte Lebensmittel schnitten im Vergleich schwächer ab.

Natürlichkeit als stärkste Botschaft bei Insektenprodukten

Die Studienergebnisse zeigen, dass für insektenbasierte Lebensmittel insbesondere der Eindruck von Natürlichkeit die Kaufbereitschaft erhöht. „Vielen Menschen ist es wichtig, dass Lebensmittel möglichst natürlich sind, ohne lange Zutatenlisten oder künstliche Zusatzstoffe“, erklärt Jahnke. „Dieser Eindruck schafft Vertrauen. Andere Botschaften können das nicht ersetzen.“ Für Produkte mit verarbeiteten Insekten bedeutet dies, dass eine möglichst „saubere“ Deklaration ohne umfangreiche Zusätze das Vertrauen der Verbraucher stärkt.

Auch die Art der Kennzeichnung von insektenbasierten Lebensmitteln auf der Verpackung spielt eine zentrale Rolle. Eine klare, aber zurückhaltende Information wie „mit Protein aus Insekten“ wirkt vertrauensbildend, während eine zu dominante Hervorhebung eher abschreckt. Verarbeitete Insekten – also als „unsichtbare Zutat“ – werden deutlich besser akzeptiert als ganze Insekten auf dem Teller.

Insekten als ressourcenschonende Proteinquelle

Insekten liefern hochwertiges Protein mit vollständigem Aminosäureprofil sowie wertvolle Fettsäuren und Vitamine. Insektenbasierte Lebensmittel benötigen den Angaben zufolge wenig Land, Wasser und Energie und gelten damit als ressourcenschonende Proteinquelle. In einer vorbereitenden Studie zur Onlinebefragung gaben rund 44 Prozent der über 18.000 Befragten an, grundsätzlich offen für insektenbasierte Lebensmittel zu sein.

Diese grundsätzliche Offenheit führt jedoch nur selten zu konkretem Kaufverhalten. „Zwischen Interesse und tatsächlichem Probieren liegt eine große Hürde“, so Jahnke. Für Anbieter von insektenbasierten Lebensmitteln bedeutet dies, dass allein der Verweis auf Nachhaltigkeitsvorteile oder den Proteingehalt von Insekten als Proteinquelle nicht ausreicht, um Kaufentscheidungen auszulösen.

Praxisnahe Tests mit insektenbasierten Produkten im Handel

Um das reale Verhalten der Verbraucher gegenüber insektenbasierten Lebensmitteln besser zu erfassen, wurden gemeinsam mit Industriepartnern auf Basis der Verbraucherstudien neue Produktverpackungen entwickelt. Getestet wurden Cracker und falafelähnliche Bällchen mit insektenbasierten Zutaten im Supermarkt.

Die Markttests zeigten, dass vor dem ersten Kontakt mit insektenbasierten Lebensmitteln häufig Skepsis überwiegt. Probierangebote für insektenbasierte Lebensmittel senken diese Hürden jedoch deutlich und führen regelmäßig zu Aha-Effekten bei den Verbrauchern. „Wer probieren kann, baut Vorbehalte ab. Der direkte Kontakt ist einer der wirksamsten Wege, um neue Produkte zu etablieren“, sagt Jahnke.

Handlungsempfehlungen für die Lebensmittelwirtschaft

Aus den Ergebnissen der Untersuchungen leiten die Forschenden konkrete Empfehlungen für die Markteinführung insektenbasierter Lebensmittel ab. Verarbeitete Insekten haben demnach die größten Marktchancen, da sie als Zutat weniger sichtbar sind. Natürlichkeit ist die stärkste Botschaft in der Kommunikation von insektenbasierten Lebensmitteln, während Verpackungen als zentrale Vertrauenselemente fungieren.

Zurückhaltende, transparente Kennzeichnung insektenbasierter Lebensmittel wirkt dabei am besten. Reale Probier- und Verkaufstests im Handel können den Markteintritt beschleunigen. „Insekten können einen wichtigen Beitrag zu nachhaltigen Ernährungssystemen leisten“, resümiert Jahnke. „Dafür brauchen wir alltagstaugliche Produkte und eine Kommunikation, die Vertrauen schafft.“

Projekt „Pr:Ins“ und Forschungsdesign

Im Verbundprojekt „Pr:Ins – Ganzheitliche Bewertung von alternativen Proteinquellen unter besonderer Berücksichtigung von Insekten“ übernahm die Universität Kassel federführend die Forschung zur Verbraucherakzeptanz insektenbasierter Lebensmittel und unterstützte als Gesamtkoordinatorin die Arbeiten zu Qualitäts- und Sicherheitsaspekten sowie zur ökologischen Nachhaltigkeitsbewertung alternativer Proteinquellen. Zum Projektteam gehörten neben Dr. Benedikt Jahnke Berlianti Puteri, M.Sc., sowie Prof. Dr. Katrin Zander, Leiterin des Fachgebiets Agrar- und Lebensmittelmarketing.

Die Verbraucherstudien zu insektenbasierten Lebensmitteln basierten auf Discrete Choice Experimenten (DCEs) innerhalb einer Onlinebefragung mit 922 Early Adopters (2023, quotengesteuert nach Geschlecht, Alter und Bundesland) sowie auf Fokusgruppendiskussionen mit 50 Verbrauchern in vier deutschen Städten zur Wahrnehmung der Kennzeichnung von Insektenzutaten auf Produktverpackungen. Die Auswertungen erfolgten mittels Latent Class Conditional Logit Modellen beziehungsweise qualitativer Inhaltsanalyse.

Weitere Informationen zum Verbundprojekt „New Food Systems“ und zum Projekt „Pr:Ins“ unter www.uni-kassel.de

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