Der Markt fรผr kultiviertes Fleisch in Deutschland und Europa gilt als vielversprechend. Die IFFA, Welt-Leitmesse fรผr Innovationen in der Prozesstechnik fรผr Fleisch und alternative Proteine, nimmt dieses Zukunftsthema schon jetzt, knapp zwei Jahre vor ihrer nรคchsten Ausgabe, in den Fokus. Die Organisatoren der Messe sprachen aus diesem Grund mit Ivo Rzegotta, Senior Policy Manager fรผr Deutschland beim Good Food Institute Europe.
Herr Rzegotta, das Spektrum der alternativen Proteinprodukte reicht von komplett pflanzenbasiertem Fleischersatz รผber hybride Produkte bis hin zu kultiviertem Fleisch. Kรถnnen Sie uns einen รberblick geben, wie sich diese einzelnen Segmente momentan in Deutschland entwickeln?
Weltweit stellen mindestens 1.150 Unternehmen pflanzliche Alternativen zu tierischen Produkten her, darunter sowohl innovative Start-ups als auch etablierte Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft. Mindestens 70 davon haben ihren Sitz in Deutschland. Hinzu kommen zahlreiche B2B-Unternehmen, die die Entwicklung in dem Bereich voranbringen.

โWir rechnen weiter mit dynamischem Wachstum, denn die Qualitรคt der Produkte steigt; und wir sehen viel Innovation in Kategorien, die bislang Aufholbedarf hatten.โ
Ivo Rzegotta, Senior Policy Manager fรผr Deutschland, Good Food Institute Europe
Innerhalb Europas ist Deutschland der mit Abstand grรถรte Markt fรผr pflanzliche Alternativprodukte. Gemessen am Umsatz ist der deutsche Gesamtmarkt fรผr pflanzenbasierte Lebensmittel 2022 um 11 Prozent auf 1,9 Mrd. Euro gewachsen, seit 2020 sogar um insgesamt 42 Prozent. Wir rechnen weiter mit dynamischem Wachstum, denn die Qualitรคt der Produkte steigt; und wir sehen viel Innovation in Kategorien, die bislang Aufholbedarf hatten โ etwa bei pflanzlichen Fischprodukten oder strukturierten Produkten wie pflanzlichem Steak.
Gegenwรคrtig besteht der Markt fรผr alternative Proteine fast ausschlieรlich aus pflanzenbasierten Produkten. Die Markteinfรผhrung von kultiviertem Fleisch und fermentationsbasierten Produkten wird in Deutschland noch etwas Zeit brauchen und hybride Produkte aus tierischem und pflanzlichem Protein sind bislang nur ein Nischenprodukt.
Kultiviertes Fleisch ist in Europa noch nicht als Lebensmittel zugelassen. Wann wird kultiviertes Fleisch erhรคltlich sein und welches sind die aktuellen Hindernisse auf dem Weg dahin? Wo steht Deutschland?
Auf dem Weg zur Marktreife von kultiviertem Fleisch haben wir in den vergangenen Monaten groรe Fortschritte gesehen. In den USA wurden die ersten Produkte zugelassen und auch in anderen Mรคrkten laufen entsprechende Verfahren.
Wann die Produkte in Deutschland und in Europa auf den Markt kommen, hรคngt im Wesentlichen von zwei Dingen ab. Zum einen mรผssen die Herstellungskosten weiter gesenkt und die notwendigen Produktionskapazitรคten aufgebaut werden, bevor die Produkte auf den Massenmarkt kommen kรถnnen. Hier braucht es neben privaten Investitionen auch deutlich mehr รถffentliche Fรถrderung in den Bereichen Forschung und Infrastruktur.
Zum anderen fรคllt kultiviertes Fleisch in den Geltungsbereich der Novel Food-Verordnung der EU. Daher mรผssen Produkte aus kultiviertem Fleisch eine grรผndliche รberprรผfung der Lebensmittelsicherheit durchlaufen, bevor sie in der EU verkauft werden dรผrfen. Gegenwรคrtig ist der Prozess jedoch sehr bรผrokratisch und dauert deutlich lรคnger als in anderen Regionen der Welt. Die deutsche Regierung sollte den Unternehmen hier stรคrker mit maรgeschneiderten Beratungsangeboten unter die Arme greifen.
In Deutschland gibt es eine Reihe von vielversprechenden Start-ups im Bereich der Zellkultivierung. Vor allem aber ist Deutschland als wichtiger Industriestandort Vorreiter in den vorgelagerten Bereichen. Etwa bei der Entwicklung von nachhaltigen Nรคhrmedien oder bei der Konstruktion von Fermentern fรผr die Kultivierung und die Fermentation. Deutsche Unternehmen wie Merck, The Cultivated B und GEA positionieren sich auch weit รผber Deutschland hinaus als Rรผckgrat dieser neuen Branche.

Ein weiteres spannendes Feld ist die Fermentation. Durch sie kรถnnen mit Hilfe von Mikroorganismen Produkte hergestellt werden, die wie Fleisch aussehen und schmecken und dieselben Kocheigenschaften aufweisen. Wo stehen wir gerade in diesem Prozess und wie kรถnnte das Verfahren vorangebracht werden?
Gegenwรคrtig arbeiten weltweit mindestens 136 Unternehmen an der Herstellung von nachhaltigen Proteinen auf Basis von modernen Fermentationsverfahren. Deutschland ist in diesem Bereich sehr stark aufgestellt. Denn hierzulande gibt es die drittmeisten Start-ups nach den USA und Israel, z. B. Formo, Mushlabs und Kynda. Damit ist das deutsche รkosystem auf dem Weg, in dieser aufstrebenden Kategorie ein globales Kraftzentrum zu werden.
Die Herausforderungen im Bereich Fermentation sind im Grunde dieselben wie bei der Zellkultivierung. Die dahinter liegenden Technologien funktionieren und Unternehmen haben gezeigt, dass sich damit schmackhafte und nachhaltige Produkte herstellen lassen. Doch um den Produktionspreis auf Augenhรถhe zu den tierischen Pendants zu bringen und um nennenswerte Mengen davon zu produzieren, braucht es nun eine Kraftanstrengung beim Kapazitรคtsaufbau. Dabei sind sowohl private Investoren als auch politische Entscheidungstrรคger gefragt.
Sie haben davon gesprochen, dass wir in Deutschland alle Voraussetzungen dafรผr haben, um bei der Ernรคhrungs- und Proteinwende ein weltweiter Vorreiter zu sein. Wie kommen Sie zu dieser Einschรคtzung? Und glauben Sie nicht, dass andere Staaten, wie Israel, Singapur, die USA und die Niederlande, uns hier bereits voraus sind?
Die Erfahrung zeigt, dass die erfolgreichsten รkosysteme fรผr alternative Proteinquellen dort entstehen, wo die Politik den Sektor aktiv mitgestaltet, um das wirtschaftliche, รถkologische und gesundheitliche Potenzial zu heben. Israel und Singapur sind Vorreiter in diesem Bereich. Groรe Industriestaaten wie die USA, China und Japan machen sich nun ebenfalls auf den Weg. Sie sehen die Fรถrderung von alternativen Proteinen als einen strategischen Hebel in ihrer Wirtschaftspolitik.
Wenn die deutsche Bundesregierung nun die Zusage aus dem Koalitionsvertrag, alternative Proteinquellen zu fรถrdern, engagiert umsetzt, dann kann Deutschland ins Spitzenfeld aufrรผcken. Denn grundsรคtzlich haben wir hier alles, was es dafรผr braucht: eine innovative Start-up-Landschaft, eine starke Lebensmittelwirtschaft und Landwirtschaft, ein exzellentes Forschungssystem sowie aufgeschlossene Verbraucher.
Herzlichen Dank fรผr das Gesprรคch!
Offenheit fรผr kultiviertes Fleisch wรคchst
Laut einer neuen Umfrage kann sich jeder Fรผnfte vorstellen, kultiviertes Fleisch aus dem 3D-Drucker zu essen. Ein Viertel sieht darin einen Beitrag zu nachhaltiger Lebensmittelproduktion.
Quelle: Messe Frankfurt Exhibition