Dr. Michael Polster DNSV Ruhestand
Quelle: B&L MedienGesellschaft

Dr. Michael Polster verabschiedet sich in Ruhestand

Dr. Michael Polster, bekannt als Kämpfer für die reduzierte Mehrwertsteuer auf Schulessen und Lobbyist für kostenfreie Schulverpflegung, verabschiedet sich in den Ruhestand.

Der promovierte Wirtschafts­wissen­schaftler, Publizist und Gastro-Fachjournalist Dr. Michael Polster gründete das Deutsche Netzwerk Schulverpflegung DNSV und war Beiratsmitglied der EU-Miniköche und Ehrenpräsident des Institute of Culinary Art (I.C.A.). Ende 2025 ging er in Ruhestand; es bleibt zu hoffen, dass andere da einhaken, wo er nie aufgab.

Herr Dr. Polster, Sie gehen jetzt in Ruhestand. Was hätten Sie in puncto Schulverpflegung gerne noch erledigt gewusst?

Leider bleiben nach über 20 Jahren Engagement viele Fragen ungelöst. Zudem scheint mir, dass in der gegenwärtigen Situation die Kita- und Schulverpflegung nicht im Fokus der Politik steht. Diese scheint auch nicht bereit sich des Themas anzunehmen, geschweige denn Geld ins System zu geben. Als wir als DNSV 2013 die Schulverpflegung zur Anhörung in den Deutschen Bundestag brachten, dachten wir, dass die Sache nun endlich Fahrt aufnehmen würde. Unsere Euphorie wurde aber letztlich schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und dies hatte nicht nur mit dem Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern zu tun. Die Schulverpflegung ist das ungeliebte Stiefkind deutscher Politik. Politiker-Ausreden à la „Um das Gratis-Mittagessen finanzieren zu können, müsse man schließlich an anderer Stelle sparen“ dürfen wir nicht mehr gelten lassen! So gesehen, ist nach wie vor viel zu tun und um es in der Sprache der Schule zu sagen: Die Politik hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht und kann nur hoffen, dass es die Enkel endlich besser ausfechten.

„Die Ernährung unserer Jüngsten sollte uns ein ­Sonder­vermögen wert sein!“

Dr. Michael Polster

Was sehen Sie als unabdingbar im Hinblick auf den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung?

Einfach gesagt – man muss ihn umsetzen! Er ist ein Spiegel dafür, wie wir als Gesellschaft mit den Bedürfnissen unserer Kinder umgehen – und ein Indikator für den Zustand unseres Bildungssystems. Man erinnere sich: Der Beschluss zur Ganztagsschule wurde schon 2009 von der Konferenz der Kultusminister (KMK) gefasst und 2013 durch den Beschluss zur Verbraucherbildung an Schulen erweitert. Gesundheit ist eng mit Ernährung verbunden und beide Themenbereiche sind bedeutsame Bestandteile schulischer Arbeit. Gesellschaft, Eltern und Kinder müssen das Recht auf Ganztag einfordern, der Politik auf Basis zivilgesellschaftlicher Netzwerke Dampf machen und sich nicht mit Empfehlungen und Versprechen abspeisen lassen. Zahltag sind die Wahlen, ob auf Bundes-, Landes- oder Gemeinde-Ebene.

Warum geben Sie der deutschen Schulverpflegung nur die Note 4?

Wir haben im Land über 44.000 Schulen. Aktuell besuchen 11,2 Millionen Schüler in Deutschland eine Schule, mit wachsender Tendenz in nächster Zeit. Im Fokus steht dabei immer nur ein Drittel von ihnen – was geschieht mit den restlichen? Auf Anfrage des DNSV antwortete jüngst das Büro des neuen Landwirtschaftsministers Alois Rainer, die Schulverpflegung in Deutschland sei durch eine große Vielfalt und regionale Unterschiede in Bezug auf Angebot, Qualität, Kosten und Teilnahme der Kinder und Jugendlichen geprägt. Wie Recht man doch hat: Angebot, Qualität, Kosten und Teilnahme gleichen einem Flickenteppich. Der Investitionstausch in Schulgebäuden liegt im zweistelligen Milliardenbereich.
Dazu kommt, dass Kinder in den meisten Schulen keinerlei Mitbestimmung bei Auswahl oder Zubereitung der Speisen haben. Für Familien mit geringem Einkommen ist das warme Mittagessen häufig eine finanzielle Belastung und wird manchmal ganz ausgelassen. Die Folgen dieser Missstände sind gravierend: Hungrige, unzufriedene Kinder haben schlechtere Chancen beim Lernen und in der sozialen Teilhabe. Das gemeinsame Essen in der Schule fördert zudem das Miteinander und die Integration. Ein schlechtes Angebot, das viele Kinder ablehnen, nimmt diese Chance. Damit verfehlen wir nicht nur das Ziel der Gesundheitsförderung, sondern auch einen wichtigen Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit. Täglich frisch zu kochen in den Einrichtungen, mit Zutaten aus der Region und unter Beteiligung der Kinder, ist das Gebot. Die Warmhalteküche ist nicht mehr zeitgemäß.

Was hat sich im letzten Jahrzehnt verbessert? Läuft also alles rund?

Die Ausgaben der Politik für PR und Werbung für gesunde Schulverpflegung, da sind wir fit geworden. Ansonsten läuft leider ganz und gar nichts rund. Dabei waren wir nach denVorschlägen des Bürgerrates wieder einmal froher Hoffnung, dass sich etwas ändern würde: Bundesweites kostenfreies und gesundes Mittagessen an Kitas und Schulen, so die Empfehlungen des Rates. Eingeführt werden sollte das kostenfreie Mittagessen staffelweise innerhalb von acht Jahren, beginnend in den Kitas. Das deckte sich mit unserer Forderung nach einer kostenfreien täglichen warmen Mahlzeit in deutschen Schulen.

Dies sollte ein Grundrecht für alle Kinder sein. In Deutschland stehen jedem Kind die gleichen Chancen auf gesunde Entwicklung und Bildung zu. Keines muss mit leerem Magen lernen und das Schulessen als Kindergrundrecht in einem Bundesgesetz festgeschrieben werden. Dafür erhielt eine vom DNSV initiierte Petition über 38.000 Unterschriften. In einem offenen Brief hat sich das DNSV in Auswertung der Online-Petition an Familienministerin Karin Prien und Ernährungsminister Alois Rainer gewandt. Die zentrale Aussage der Antwort: Bund sei nicht zuständig und Schulfragen Ländersache. Nun will die schwarz-rote Koalition keinen weiteren Bürgerrat einsetzen, und Bundestagspräsidentin Julia Klöckner löst die Stabsstelle Bürgerräte auf.

Wer gilt für Sie als Wegbereiter gesunden Schulessens in Deutschland?

Der Ernährungswissenschaftler Prof. Dr. Peinelt, der Ernährungswissenschaftler und Publizist Uwe Knop und nicht zu vergessen Prof. Dr. Steffen Wittkowske von der Universität Vechta. Sie haben mit ihrer profunden Expertise jahrelang das DNSV erfolgreich beraten und begleitet. Vergessen darf man dabei aber auch nicht unsere Testimonials, die Spitzenköche Johann Lafer, Sarah Wiener und Stefan Marquard, um nur drei zu nennen.

Abschauen könnten wir uns etwas bei den skandinavischen Ländern. Warum sollte, was dort seit Jahren gut funktioniert, nicht auch bei uns in Deutschland möglich sein?

Was halten Sie vom reduzierten Mehrwertsteuersatz?

Der Deutsche Bundestag hat die Steuersenkung für die Gastronomie beschlossen. Man wird sehen, wie sie umgesetzt wird und sich die Rahmenbedingungen für das Schulessen entwickeln. Folgerichtig wäre letztlich nur die Alternative kostenfreies Essen für alle Schulkinder. Die Ernährung unserer Jüngsten sollte uns ein Sondervermögen wert sein!

Wer wird der Politik denn künftig anstelle des DNSV auf die Füße treten?

Alle, die sich um das Wohl unserer Kinder kümmern, weil sie wissen, dass Investitionen in unsere Kinder die Zukunft der Gesellschaft sichern. Denn da bin ich ganz bei Knop, der es einmal so formulierte: „Es wird Zeit, dass Ernährungshypes, -hybris und -hypochonder vom Teller verschwinden und Ernährung wieder das wird, was sie ist – und zwar die wichtigste und schönste Hauptsache der Welt: entspannt und genussvoll essen zur Lebenserhaltung.“ Auch der Neurobiologe Gerald Hüther spricht mir aus dem Herzen, wenn er fordert: „Es wäre also an der Zeit, aufzuwachen und unsere Schulen in das umzuwandeln, was sie sein müssten: Werkstätten des Entdeckens und Gestaltens, Erfahrungsräume zur Entfaltung der in allen Kindern angelegten Potenziale, Begegnungsorte für das Voneinander- und Miteinander-Lernen, Basislager des Erlebens von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung und des Gefühls, aneinander und miteinander über sich hinauswachsen zu können.“

Herr Dr. Michael Polster, wir danken Ihnen für das Gespräch und Ihr jahrelanges und unermüdliches Engament für die Verbesserung des Stellenwerts der Schulverpflegung in der deutschen Gesellschaft.

Verena Wagner und die B&L Medien Zentralredaktion

Leserbrief an Dr. Michael Polster von Prof. Dr. Volker Peinelt

Lieber Herr Polster,
ein Urgestein der Schulverpflegung verlässt die Arena. Soweit ich zurückdenken kann, sehe ich Sie irgendwie mit Fragen der Optimierung des Schulessens beschäftigt.
Da einer meiner Schwerpunkte an der Hochschule Niederrhein die Schulverpflegung war, gab es seit unserer ersten Kontaktaufnahme vor rund 20 Jahren immer wieder Berührungspunkte.
So habe ich nach einem Forschungsaufenthalt zur Schulverpflegung in Japan auf Ihrem 5. Kongress in Leipzig im September 2011 meine Eindrücke vorgestellt. Neben den deutschlandweit etablierten Kongressen gingen Sie, umtriebig wie Sie waren, auch auf Messen, um sie für Ihre Sache einzuspannen, insbesondere die didacta. Dort konnten Sie Fachvorträge in der Sonderschau „Schulverpflegung“ einschleusen, die Sie auch moderierten. Auch hier haben wir koope-
riert.

Volker Peinelt, Autor des neuen Buchs
Quelle: Peinelt

“Ich schätze dabei Ihren Mut, gegenüber Ministerien und hochrangigen Vertretern in Politik und Wirtschaft Kritik offen auszusprechen.”

Prof. Dr. Volker Peinelt

Videos von Statements zahlloser Akteure der Branche stellten Sie im DNSV allen Interessierten zur Verfügung.

Diese Homepage war auch eine Plattform, wo unterschiedliche Meinungen zu Themen der Schulverpflegung kontrovers ausgetragen wurden. Ich war erstaunt, wie leidenschaftlich in diesem Forum die jeweiligen Ansichten teilweise vertreten wurden. Dabei konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, wenn ich z.B. las, mit welcher Wucht der harmlose Vorschlag für temperaturentkoppelte Systeme attackiert und als Teufelszeug verdammt wurde. Das bestätigte wieder einmal, dass das Essen eine hochemotionale Sache ist, bei der man mit rationalen Argumenten selten durchdringt. Dies mag in besonderem Maße für die Schulverpflegung zutreffen, geht es doch hierbei um eine sehr vulnerable Zielgruppe.
Sie haben sich in unserer langjährigen Korrespondenz als Meister der effizienten Kommunikation erwiesen. Dabei ist es Ihnen oft gelungen, den Inhalt einer Mail in der Betreff-Zeile unterzubringen. Trotz dieser minimalistischen Mitteilungen konnten Sie einschlägige Promis für eine Mitarbeit an Ihren Projekten gewinnen. Ein wahres Kunststück! Zu denken ist da insbesondere an Johann Lafer. Durch diese Kontakte wurden bedenkenswerte Vorschläge einem breiten Fach-Publikum nähergebracht. Dass dies alles leider nicht den Durchbruch in der Schulverpflegung schaffte, zeigt nur, wie schwer es ist, ein lange Zeit sträflich vernachlässigtes Thema doch noch erblühen zu lassen.

Erklärtes Ziel: Kostenfreies Schulessen für alle

Viele Ihrer Aktivitäten blieben unvollendet, lohnten aber trotzdem den Einsatz, wie z.B. für den reduzierten Mehrwertsteuersatz oder das kostenlose Mittagessen.

Sie scheiterten an der Unbeweglichkeit und Zaghaftigkeit der Politiker und, sagen wir es offen, auch am Desinteresse der Verantwortlichen und der Gesellschaft insgesamt – entgegen allen Lippenbekenntnissen. Wir beide wissen, dass Deutschland an einer gesunden Schulverpflegung im Grunde wenig gelegen ist, wie überhaupt das Thema „Wertschätzung des Essens“ keine Aufmerksamkeit erhält – im Unterschied zu vielen anderen Ländern.
Daran ändert auch eine zaghafte Hinwendung zu vegetarischer Kost wenig.

Investitionen in die Schulverpflegung wären Investitionen in die Zukunft unseres Landes. Das scheint die hohe Politik aber anders zu sehen, dabei die Erkenntnisse der Präventionsforschung mit Füßen tretend. Und so erscheinen die zahlreichen Appelle von Ihnen wie der vergebliche Kampf von Don Quijote gegen Windmühlen. Was dieser für gefährliche Riesen hielt, sind für Sie die langsam mahlenden Mühlen der Bürokratie und die zähe Ignoranz der Entscheidungsträger.

Hoch anzurechnen ist Ihnen, das Interesse an der Schulverpflegung wachgehalten zu haben.

Ich schätze dabei Ihren Mut, gegenüber Ministerien und hochrangigen Vertretern in Politik und Wirtschaft Kritik offen auszusprechen. Auch Ihre Bereitschaft, anderen auf der Homepage des DNSV ein Podium zu geben, um ihre alternativen Vorstellungen zu unterbreiten. Und so möchte ich mit einem Bonmot von Platon enden, der einmal sagte: „Ich kenne keinen sicheren Weg zum Erfolg, aber einen sicheren Weg zum Misserfolg: Es allen Recht machen zu wollen!“ Sie sind sich treu geblieben.
Vielen Dank für den gemeinsamen Weg und die fachliche Kooperation. Bleiben Sie gesund und genießen Sie Ihre dritte Lebensphase. Ihr Volker Peinelt

Bild von blgastro.de

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