Die Technik, die auf Molekularsieben basiert, gibt Brauern ein neues Werkzeug an die Hand, um den Geschmack von alkoholfreiem Bier dem von alkoholischen Bier anzunรคhern. Die ersten Tests zeigten, dass der sรผรliche, wรผrzige Geschmack, der alkoholfreies Bier oft kennzeichnet, damit reduziert werden kann.
Wenn man sich die Zutaten โ Wasser, Getreide, Hopfen und Hefe โ ansieht, denkt man es sich vielleicht nicht, aber Bier ist ein komplexes Getrรคnk. Es besteht aus Tausenden von verschiedenen molekularen Komponenten, die eine komplexe Geschmackskomposition bilden. Das ist einerseits das Schรถne daran: Mit kleinen Anpassungen an den Zutaten oder im Brauprozess kann man ein vรถllig anderes Endprodukt erzeugen. Gleichzeitig macht es diese Komplexitรคt aber auch schwierig, genau das Ergebnis zu erzielen, das dem Brauer vorschwebt.
Sรผรer Nachgeschmack
Nehmen wir alkoholfreies Bier: Viele alkoholfreie Biere haben einen eher sรผรen Nachgeschmack. Der stammt von der zuckerhaltigen Flรผssigkeit, die ein Zwischenprodukt im Brauprozess ist. Beim Brauen von Lagerbier wandelt die Hefe fast den gesamten Zucker in Alkohol und andere Bestandteile um. โAber bei der biologischen Herstellung von alkoholfreiem Bier unterdrรผcken die Brauer die Aktivitรคt der Hefe, um die Bildung von Alkohol zu verhindernโ, erklรคrt die Forscherin Deborah Gernat. โEine der Folgen davon ist, dass die Aldehyde nicht mehr in neutrale oder in charakteristische Bieraromen umgewandelt werden, was zu dem sรผรen Nachgeschmack von alkoholfreiem Bier fรผhrt.โ
Lรคngst nicht alle Bierliebhaber schรคtzen diese Sรผรe. Leider ist es fรผr Brauer schwierig, diesen Geschmack in alkoholfreiem Bier zu vermeiden. โEs gibt Mรถglichkeiten, das zu tun, zum Beispiel das Erhitzen des Suds. Aber damit kann man nicht gezielt bestimmte Molekรผle entfernenโ, erklรคrt Deborah Gernat. โDarรผber hinaus werden durch die Erhitzung auch andere Komponenten entfernt oder deren molekulare Zusammensetzung radikal verรคndert. Das kann einen groรen Einfluss auf die endgรผltige Farbe oder den Geschmack des Bieres haben.โ Auch die Entalkoholisierung, bei der dem Bier nachtrรคglich Alkohol entzogen wird, hat weitreichende Folgen fรผr den Geschmack.
Molekรผle einfangen
Um spezifische Anpassungen vornehmen zu kรถnnen, benรถtigen die Brauer neue Techniken. Und sie sind vorhanden im Bereich der Prozesstechnik. Die Forschungsgruppe des TU Delft-Forschers Marcel Ottens hat viel Erfahrung auf diesem Gebiet und arbeitet schon seit Jahren mit Heineken zusammen. Da ist es nur logisch, dass Deborah Gernat, die selbst Brauerin und Bioverfahrenstechnikerin ist, ihre Doktorarbeit bei ihm gemacht hat. In den vergangenen Jahren erforschte sie ein physikalisches Phรคnomen, die Adsorption, bei der bestimmte Aromastoffe mit Hilfe von Molekularsieben eingefangen werden kรถnnen. โAndere Eigenschaften, wie Farbe und Bitterkeit, verรคndern sich dabei nicht, sodass der ursprรผngliche Charakter des Bieres erhalten bleibtโ, sagt Deborah Gernat.
In ihrer Forschung konzentrierte sich die Expertin auf die Erfassung der sogenannten Strecker-Aldehyde, die bekanntlich fรผr den sรผรen Geschmack von alkoholfreiem Bier verantwortlich sind. Sie testete verschiedene Arten von sogenannten Adsorbentien, um zu sehen, welche Wirkung sie haben, und fand ein Material, dass die Strecker-Aldehyde auf eine ganz spezielle Weise einfangen konnte. โEs ist ein Zeolith, ein Mineral, das auch in der Natur vorkommt. Nur kleine, flรผchtige Aromamolekรผle kรถnnen in die Poren des Zeoliths eindringen, andere Molekรผle bleiben in der Flรผssigkeitโ, erklรคrt Deborah Gernat. Die Zeolithe kรถnnen die Form einer Art Pulver annehmen, das aus dem Bier herausgefiltert wird, nachdem es seine Arbeit getan hat. Oder die Brauer kรถnnen ein โFilterbettโ aus Granulat erzeugen, durch das sie das Bier leiten.

โAndere Eigenschaften, wie Farbe und Bitterkeit, verรคndern sich dabei nicht, sodass der ursprรผngliche Charakter des Bieres erhalten bleibt.โ
Deborah Gernat
Geschmackstest
Ein Geschmackstest mit einem Gremium zeigte, dass die Technik funktioniert: Die Verkoster empfanden weniger Sรผรe, und ihre Bewertungen fรผr verschiedene Geschmackskategorien lagen nรคher an denen des Lagerbiers als die des alkoholfreien Biers, auf das die molekulare Sichtungstechnik nicht angewendet worden war. โIch habe auch ein Prozessdesign gemacht, und die Technik sollte relativ einfach in den Produktionsprozess zu integrieren seinโ, kรผndigt Deborah Gernat an.
Die Technik muss allerdings noch weiterentwickelt werden. โDie Zeolithe, die ich in meiner Forschung verwendet habe, wurden fรผr die Trennung von Gasmolekรผlen hergestellt. Der Massentransport im Inneren des Materials muss noch weiter verbessert werden.โ Auรerdem sind es nicht nur die Aldehyde, die dafรผr verantwortlich sind, dass Menschen alkoholfreies Bier anders empfinden als alkoholisches Bier. โAlkohol selbst verursacht ein wรคrmendes Gefรผhl im Mund und hat auch einen Einfluss auf die Geschmackswahrnehmung. Wie genau das funktioniert, ist ein wichtiges Forschungsthema.โ
Quelle: TU Delft/Heineken