Die Geschichte von Bio, Fairtrade & Co. – nachhaltiger Kaffee - eine Meinung von Dr. Steffen Schwarz von Coffee Consulate. (Quelle: Canyon Twin & Aquir – stock.adobe.com)
Quelle: Canyon Twin & Aquir – stock.adobe.com

Guter nachhaltiger Kaffee

Im Zuge unserer Ausgabe zum Thema Nachhaltigkeit haben wir Leser zur Glaubwürdigkeit von Zertifizierungen befragt. Einer davon sagt sogar: „Wirklich faire Produkte haben kein Label, sondern sind direkt vom Erzeuger.” Dazu lassen wir hier Dr. Steffen Schwarz von Coffee Consulate seine Meinung zum Thema nachhaltiger Kaffee erklären: Die Geschichte von „Fairtrade, Bio & Co.“ und der Suche nach „gutem Kaffee“:

Es war einmal ein Kaffeetrinker, der wollte guten Kaffee trinken. Der Kaffee sollte süß, vollmundig und mit nur wenig Bitterkeit sein; seine Aromen sollten von exotischen Früchten, Nüssen und ­Karamell bestimmt werden. Doch der Kaffeetrinker wollte noch mehr – der Kaffee sollte ohne Schäden an der Natur und unter guten Arbeitsbedingungen angebaut, sowie frei von Pestiziden und Fungiziden sein. Doch wie sollte er einen solchen Kaffee finden? Woher konnte er wissen, wie sich das Geschmacksprofil des Kaffees darstellte und wie er angebaut und produziert worden war? Sicherlich könnte er alle diese Informationen auf den Verpackungen finden – und so machte er sich auf, guten Kaffee zu finden.

Lange suchte er auf den Verpackungen nach Hinweisen der Röstereien, konnte aber nur wenige brauchbare Informationen entdecken. Fast alles war von Preisen und Sonderangeboten geprägt – fast schien es ihm, als ob beim Kaffee nur der Preis zählte, bis er einen merkwürdigen Hinweis fand: „100 % Arabica“ lautete die Aufschrift – und das musste wichtig sein, denn es wiederholte sich auf vielen Verpackungen und wurde immer sehr prominent platziert. Bunte Bilder und Fotos zeigten Menschen: glückliche, lachende Kaffeebauern und Kaffeepflücker, die in feinsten Trachten in Landschaften mit prächtigen Kaffeepflanzen voller reifer, roter Kaffeekirschen standen. Reine Idyllen in tropischen Paradies-Landschaften. Schließlich fielen ihm viele kleine Logos auf, die fair gehandelten, vogel- oder tropenwaldfreundlichen sowie biologisch angebauten Kaffee versprachen. Und so zog er glücklich mit seinem Kaffee, den er im Angebot für 12 Euro für ein Kilogramm gekauft hatte, nach Hause.

Eine kleine Rechnung

Ungefähr so könnte die Geschichte vom Kaffeetrinker klingen, der guten Kaffee trinken wollte und auf „Nachhaltigkeitsversprechen“ herein­gefallen war. In den meisten Fällen wäre es wohl realistischer und ehrlicher von „Nachhaltigkeitsversprechern“ zu sprechen – im besten Fall von frommen Absichten oder Absichtserklärungen. Obwohl jedem klar sein muss, dass ein Kilogramm Kaffee, das für 12 Euro angeboten wird, nicht nachhaltig sein kann, möchten viele Verbraucher (und auch die Industrie) gerne das ­Gefühl haben (oder verbreiten), dass dies dennoch der Fall ist. Machen wir uns doch einmal die Situation für den Bauern in einer kleinen Rechnung klar.

Um ein Kilogramm Röstkaffee zu erhalten, müssen rund 1,2 Kilogramm Rohkaffee geröstet werden. Die Röstkaffeesteuer beträgt 2,19 Euro je Kilogramm Röstkaffee. So bleiben 9,81 Euro für das Kilogramm Kaffee abzüglich der Röststeuer übrig. Die Einfuhrumsatzsteuer für den Rohkaffee beträgt weitere 7 Prozent.

Nach Schätzungen verschiedener Organisa­tionen teilen sich die Kosten und Umsatzanteile für Kaffee wie folgt auf: 14-26 Prozent Erzeuger (Kaffeebauer, Kooperative), 8-18 Prozent Import und Verarbeitung (Fracht, Lagern, Rösten, Verpacken), 18 Prozent Steuern und Lizenzen (Kaffeesteuer, MwSt., Grüner Punkt), 26 Prozent Handelsorganisation (Vertrieb, Personal, Raum) sowie 22-24 Prozent Groß- und Einzelhandel (Handelsspanne).

Daraus ergäbe sich ein Anteil von 1,40 – 2,60 Euro je Kilogramm Rohkaffee für den Bauern – was damit bereits weit unter den Produktionskosten von Kaffee für rund 60-70 Prozent der Kaffeeproduzenten liegt.

In Anbetracht dieser Situation und Preise fragt man sich, wie solch ein Handeln in der Kaffeebranche nachhaltigen Grundlagen entsprechen kann. Wie kann irgendetwas „fair“ gehandelt sein, wenn der Verkaufspreis nicht einmal die Produktionskosten deckt? Was sind all diese bunten Siegel und Zertifikate vor diesem Hintergrund wert? Handelt es sich nicht schon längst um moderne „Ablassbriefe“, die nur der Beruhigung des eigenen Gewissens oder als schaler Nachweis ethisch korrekten Handelns dienen?

Keine Garantie

Es lohnt sich auch einmal genau nach den Rahmenbedingungen und Bestimmungen für diverse Zertifikate zu recherchieren. Es ist erschreckend, in den meisten Fällen klar nachlesen zu können, wie wenig nachhaltige Handlungsweisen tatsächlich erforderlich sind oder welche Bedingungen bestehen, um die meisten verbreiteten Siegel tragen zu dürfen. Die Argumentation, solche Bestimmungen würden dafür sorgen, dass es den Farmern oder Pflückern zumindest etwas besser ginge, erscheint fast schon wie Häme, denn sie dienen eher der Irreführung von Verbrauchern und der Entmachtung der Möglichkeiten der Kunden, durch bewusste Kaufentscheidungen etwas an der Situation von Erzeugern ändern zu können. Der gesunde Menschenverstand sollte indes jedem Käufer bereits beim Preis klar signalisieren, dass es sich bei vielen Produkten niemals um ein nachhaltig erzeugtes Produkt handeln kann – trotz noch so vielen bunten Bildern auf den Verpackungen. Leider bedeuten hohe Preise aber nicht zwangsläufig, dass Farmer oder Pflücker einen höheren oder wesentlich besseren Preis für ihren Kaffee erhalten.

Auch der „direkte Handel“, sofern die Produzenten und Kaffees nicht klar im Detail nachvollziehbar oder erkennbar sind, stellt alleine noch keine Garantie für besseren Kaffee dar. Auch hier haben gewiefte Geschäftemacher längst einen Markt für sich entdeckt. Plakative Angaben von Preisen, die zu gewissen Punkten des Handels entrichtet wurden, helfen ebenso wenig sicherzustellen, dass der Erzeuger oder die auf den Farmen beschäftigten Arbeiter gerecht und fair entlohnt wurden. Allzu vereinfachte Modelle sind wie meist bei starken Vereinfachungen im Grundsatz falsch oder ungültig. Niemand nimmt uns als Verbrauchern also ab, selbst zu hinterfragen, selbst kritisch und mit gesundem Menschenverstand abzuwägen, ob Produkte nachhaltig sind.

Nachhaltiger Kaffee

Nachhaltigkeit bezeichnet im Kern einen anhaltenden Gleichgewichtszustand, die Tatsache, so zu leben und zu wirtschaften, dass nicht mehr Ressourcen aus der Natur entnommen, als neue geschaffen werden. Nachhaltige Landwirtschaft ermöglicht es den Erzeugern und deren Nachfahren, in einer mindestens so intakten und guten oder sogar besseren Umwelt und unter verbesserten Lebensbedingungen zu leben, als es gegenwärtig der Fall ist.

Nachhaltiger Kaffee schmeckt in der Tat besser als andere Kaffees – er wurde nicht überdüngt und wuchs zu schnell, und zeichnet sich daher durch einen großen Aromenreichtum und -intensität aus. Zeit, also endlich mehr wirklich „guten Kaffee“ zu trinken.

Es lohnt sich also bewusster „hinzuschmecken“ und auch mit gesundem Menschenverstand kritisch zu prüfen, was über den Kaffee und seine Produktionsbedingungen angegeben wird und ob der Preis einleuchtet – dann steht einem „guten Kaffee“ nichts im Wege.

In unserem Magazin Kaffee & Co. setzen wir uns immer wieder mit dem Thema nachhaltiger Kaffee auseinander, auch in der vergangenen Ausgabe. Werfen Sie immer wieder mal einen Blick rein!

Quelle: B&L MedienGesellschaft

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