WMF Professional Coffee Machines stellt sich strategisch neu auf: markenübergreifend, anwendungsorientiert und mit einem klaren Fokus auf Servicekompetenz. Benjamin Thurner (Bild rechts), Vice President DACH, Italy & Global Strategic Accounts SEB Professional Beverage, Bernd Anton (Bild links), General Manager Germany SEB Professional Beverage, und Hansjürg Marti (Bild Mitte), Geschäftsführer Schaerer Deutschland, sprechen im Interview über den wachsenden Stellenwert des Professional-Geschäfts, den One-Stop-Shop-Ansatz, die Rolle neuer Marken wie La San Marco und Zummo – und darüber, warum der Außer-Haus-Markt künftig ganzheitliche Lösungen verlangt.
Herr Thurner, welchen Stellenwert hat das Professional-Geschäft heute innerhalb der Groupe SEB?
Benjamin Thurner: Die Groupe SEB ist historisch ein Konsumgüterkonzern. Mit dem Einstieg ins Professional-Geschäft im Jahr 2016 – damals durch die Akquisition der WMF Gruppe, zu der Schaerer bereits gehörte – haben wir sehr schnell erkannt, dass dieses Segment ein sehr guter komplementärer Baustein zum Konsumgeschäft ist. Gleichzeitig ist es ein wichtiger Teil unserer Diversifizierungsstrategie.
Heute macht der Konzern rund acht Milliarden Euro Umsatz, davon etwa eine Milliarde im Professional-Geschäft, überwiegend im Bereich Professional Beverage. Betrachtet man die Akquisitionen der vergangenen Jahre – WMF, Schaerer, Curtis, La San Marco und Zummo – wird deutlich, dass der Fokus klar auf dem Ausbau dieses Bereichs liegt.
Auf der Host haben Sie sich erstmals markenübergreifend präsentiert. Was war die strategische Motivation dahinter?
Benjamin Thurner: Wir wollten uns bewusst als ganzheitlicher Lösungsanbieter positionieren. Unser Portfolio ist inzwischen so breit, dass wir sämtliche relevanten Zubereitungsarten abdecken können – vom Vollautomaten über Filter- und Siebträgertechnik bis hin zu Saft- und Kaltgetränkelösungen.
Statt einzelne Marken zu zeigen, haben wir uns entschieden, Kundensegmente in den Mittelpunkt zu stellen. Deshalb gab es auf der Host keine klassischen Markenecken, sondern Anwendungswelten: Coffeeshop, Convenience-Store, Office, weitere Szenarien. Uns ging es darum zu zeigen, was den Kunden bewegt – nicht, welche Maschine wir verkaufen.
Bernd Anton: Der zentrale Gedanke war, das komplementäre Produktportfolio aus Sicht der Anwendung darzustellen. Wir wollten zeigen, dass wir über alle Marken hinweg für jedes Szenario eine passende Lösung anbieten können.
Wie wirkt sich dieser Ansatz auf den deutschen Markt aus, der ja stark von der Marke WMF geprägt ist?
Benjamin Thurner: Deutschland ist insofern ein Sonderfall, da die Marke WMF hier extrem stark und sehr bekannt ist. Das werden wir auch weiterhin nutzen. In der Schweiz zum Beispiel ist Schaerer die „stärkere“ Marke. Gleichzeitig gilt aber auch hier: Wir treten zunehmend markenübergreifend auf und stellen die Kundensegmente stärker in den Vordergrund.
Der neue gemeinsame Showroom in Frankfurt, in dem alle Marken vertreten sind, ist ein gutes Beispiel dafür. In diese Richtung werden sich auch unsere Messeauftritte und externen Aktivitäten weiterentwickeln.
Welche Rolle spielen die einzelnen Marken künftig – und wie verändert sich der Vertrieb?
Bernd Anton: Die Marken bleiben wichtig, gerade wegen ihrer hohen Bekanntheit. Gleichzeitig lassen wir die Markengrenzen im operativen Geschäft zunehmend fallen, insbesondere im Key-Account-Bereich.
Viele Ausschreibungen verlangen heute nicht mehr nur einen Vollautomaten, sondern beispielsweise zusätzlich einen Siebträger, Filterlösungen oder ergänzende Technologien. Das können wir jetzt aus einer Hand anbieten. Unsere Direktvertriebsmannschaft ist weiterhin stark unter dem Namen WMF unterwegs, hat aber heute die Möglichkeit, mehrere Marken zu spielen.
Hansjürg Marti: Gleichzeitig bleibt der Fachhandel für uns ein extrem wichtiger Bestandteil. Wir arbeiten mit rund 70 Händlern plus Operatoren zusammen. Durch das erweiterte Portfolio können wir diese Partner jetzt auch stärken, weil sie ihren Kunden zusätzliche Lösungen anbieten können.
Wenn man alles zusammenzählt, sprechen wir über eine sehr schlagkräftige Organisation: rund 120 bis 150 Mitarbeitende im direkten und indirekten Vertrieb sowie etwa 500 Techniker – davon rund 340 WMF-Kollegen und etwa 150 Servicepartner. Diese Stärke müssen wir konsequent nutzen.
Sie sprechen häufig vom Service als zentralem Erfolgsfaktor. Warum ist das so entscheidend?
Bernd Anton: Service war schon immer ein zentrales Thema und wird immer wichtiger. Internationale Kunden erwarten heute einen zentralen Ansprechpartner und ein flächendeckendes Servicenetz. Genau das können wir bieten. Da verschwimmen Markengrenzen automatisch. Entscheidend ist, dass es funktioniert.
Ein gutes Beispiel ist ein internationaler Tankstellenbetreiber: Dort liegt der globale Lead bei Schaerer, während WMF in Deutschland die flächendeckende Serviceorganisation stellt. Für den Kunden ist entscheidend, dass es eine Telefonnummer, eine Anlaufstelle und eine Organisation gibt, die alles koordiniert.
Am Ende müssen wir unsere Größe nutzen, um es dem Wettbewerb schwerer zu machen. Das gelingt nicht über einzelne Produkte, sondern über Service, Präsenz und Organisation. Das ist ein Prozess, der Zeit braucht – aber wir sind auf dem richtigen Weg.
Künftig sollen auch die rechtlichen Strukturen in Deutschland zusammengeführt werden. Was bedeutet das konkret?
Benjamin Thurner: Aktuell gibt es in Deutschland zwei rechtliche Einheiten – die WMF GmbH und die Schaerer Deutschland GmbH. Diese werden wir zu einer Gesellschaft verschmelzen, um alle Aktivitäten aus einer Organisation heraus anbieten zu können.
In Deutschland werden wir dabei weiterhin die Marke WMF nutzen, ähnlich wie wir in der Schweiz alle Aktivitäten unter der Schaerer AG bündeln. Das hat viel mit Historie und Markenvertrauen zu tun.
Hansjürg Marti: Für uns ist das auch organisatorisch sinnvoll. Wir werden nach Geislingen ziehen, um näher zusammenzurücken. Früher war eine gewisse Distanz gut, heute ist sie eher hinderlich. Wir müssen Themen schneller abstimmen, Marken koordinieren und neue Produkte zügig in die Vertriebskanäle bringen. Dafür braucht es Nähe und klare Strukturen.
Wie reagieren Sie mit dieser neuen Ausrichtung auf die sich wandelnden Anforderungen im Außer-Haus-Markt?
Benjamin Thurner: Die Anforderungen werden immer spezialisierter. Ein Coffeeshop hat völlig andere Bedürfnisse als ein Büro oder ein Hotel. Entsprechend richten wir unsere Marken und Lösungen stärker an den jeweiligen Segmenten aus.
Gleichzeitig steigt die technologische Vielfalt. Wir können heute Filterlösungen über Curtis, Espressotechnik über La San Marco, Vollautomaten über WMF und Schaerer sowie Saftlösungen über Zummo anbieten – ergänzt durch ein starkes Servicenetz.
Welche Rolle spielen die neuen Marken La San Marco und Zummo in Ihrer Strategie?
Benjamin Thurner: La San Marco ist für uns eine sehr wichtige Ergänzung, insbesondere im klassischen Siebträgersegment. In Deutschland sehen wir hier noch großes Potenzial, weil diese traditionsreiche Marke bislang nicht voll ausgespielt wurde.
Zummo ergänzt unser Portfolio im Bereich Fresh Beverage Equipment. Es geht dabei nicht um den Verkauf von Getränken, sondern um frische Zubereitung vor Ort.
Bernd Anton: Wir bedienen mit Zummo häufig dieselben Kundensegmente wie im Kaffeebereich – etwa Bäckereien, Hotels im Frühstücksbereich oder den Lebensmitteleinzelhandel. Dort stehen die Saftpressen oft in den Vorkassenzonen. Die Grenzen zwischen Out-of-Home und Retail sind fließend.
Wie vermeiden Sie Kannibalisierung zwischen Vollautomaten, Siebträgern und Lösungen wie der WMF espresso NEXT?
Benjamin Thurner: Es gibt unterschiedliche Anforderungsprofile. Manche Kunden wollen bewusst einen klassischen Siebträger, andere setzen klar auf Vollautomaten. Und dann gibt es Konzepte, die Emotion und Handwerk wollen, aber gleichzeitig Prozesssicherheit brauchen – genau dafür ist die WMF espresso NEXT gedacht.
Unser Vorteil ist, dass wir technologieoffen beraten können. Wir schauen auf das Konzept, auf das Personal und auf die Anforderungen – und empfehlen dann die passende Lösung.
Hansjürg Marti: Gerade für Filialisten ist gleichbleibende Qualität entscheidend. Das lässt sich mit klassischen Siebträgern oft nur schwer flächendeckend umsetzen. Lösungen wie die WMF espresso NEXT bieten hier einen guten Mittelweg zwischen Handwerk und Automatisierung.
Digitale Services und vernetzte Maschinen gewinnen ebenfalls an Bedeutung. Wie entwickelt sich dieses Thema bei SEB Professional Beverage?
Benjamin Thurner: Digitalisierung ist für uns ein zentraler Bestandteil unserer Strategie. Wir haben heute bereits eine sehr große Anzahl vernetzter Geräte im Markt und bauen dieses Ökosystem kontinuierlich weiter aus – auch über die verschiedenen Marken hinweg.
Digitale Services ermöglichen nicht nur Transparenz über den Maschinenstatus, sondern auch vorausschauende Wartung, effizienteren Service und eine bessere Steuerung für Betreiber. In Zukunft werden wir diese Lösungen Schritt für Schritt auch auf neue Marken ausrollen.
Bernd Anton: In großen Ausschreibungen ist Digitalisierung inzwischen Standard. Betreiber erwarten heute, dass Maschinen vernetzt sind, Daten liefern und in bestehende Systeme integrierbar sind.
Das betrifft nicht nur Großkunden, sondern zunehmend auch mittelständische Betreiber. Digitalisierung ist kein Zukunftsthema mehr, sondern gelebte Praxis.
Hansjürg Marti: Digitalisierung ist auch ein wichtiges Bindeglied zwischen Produkt und Service. Wenn wir frühzeitig sehen, dass sich ein technisches Problem anbahnt, können wir reagieren, bevor es zum Ausfall kommt.
Für den Kunden bedeutet das vor allem eines: mehr Betriebssicherheit. Und genau darum geht es am Ende.
Barrierefreiheit wird im Außer-Haus-Markt zunehmend zum Ausschreibungskriterium. Welche Rolle spielt das Thema für SEB Professional Beverage?
Benjamin Thurner: Barrierefreiheit beschäftigt uns schon seit einiger Zeit sehr intensiv. In den USA ist das Thema durch gesetzliche Vorgaben wie den ADA-Standard schon lange verankert, in Deutschland gewinnt es jetzt zunehmend an Bedeutung. Wir sehen immer häufiger, dass Barrierefreiheit explizit in Ausschreibungen abgefragt wird – und darauf müssen wir vorbereitet sein.
Für uns ist das kein isoliertes Feature, sondern Teil unseres Anspruchs, Lösungen für möglichst viele Nutzer zugänglich zu machen. Deshalb haben wir entsprechende Funktionen zunächst auf Maschinen eingeführt, die in großen Stückzahlen im Markt sind, und rollen das Thema sukzessive weiter aus.
Hansjürg Marti: Aus meiner Sicht zeigt Barrierefreiheit sehr gut den Unterschied zwischen einem Maschinenhersteller und einem Lösungsanbieter. Lösungen wie Schaerer Easy Access sind technisch betrachtet eher kleine Anpassungen, haben aber eine enorme Wirkung im Alltag.
Wir bekommen inzwischen gezielt Anfragen nach Maschinen mit genau dieser Funktion – ausschließlich wegen der Barrierefreiheit. Das ist kein Nice-to-have, sondern ein echtes Entscheidungskriterium geworden.
Nachhaltigkeit ist ein weiteres zentrales Thema im Markt. Wie gehen Sie dieses Thema im Professional-Geschäft an?
Benjamin Thurner: Nachhaltigkeit ist für uns ein sehr wichtiges Thema – sowohl auf Konzernebene als auch im Professional-Bereich. Die Groupe SEB ist hier sehr aktiv, so sind wir zum Beispiel jetzt erneut von EcoVadis ausgezeichnet worden. Das ist kein kurzfristiger Trend, sondern ein klarer strategischer Anspruch.
Wir betrachten Nachhaltigkeit ganzheitlich und entlang mehrerer Ebenen. Natürlich geht es um unsere eigene Unternehmensverantwortung, aber ebenso um die Maschine selbst und um das finale Getränk. Gerade bei Zutaten wie Kaffee und Milch, die einen vergleichsweise hohen CO2-Footprint haben, sehen wir großes Optimierungspotenzial.
Ein zentraler Ansatz in der Entwicklung ist deshalb die bessere Extraktion: Wie schaffen wir es, mit weniger Kaffee das gleiche Ergebnis in der Tasse zu erzielen? Wenn wir den Rohstoffeinsatz reduzieren können, verringert sich automatisch auch der ökologische Fußabdruck. Ein weiteres großes Thema sind Milchalternativen. Diese haben einen deutlich besseren CO2-Footprint als klassische Milch. Durch Technologien wie 2-Milk, Multi Milk oder auch Two-Step-Lösungen ermöglichen wir den Einsatz unterschiedlicher Milchsorten und leisten damit ebenfalls einen Beitrag.
Darüber hinaus geht es um die Maschine selbst: Recycelbarkeit, Reparierbarkeit und Langlebigkeit. Wir garantieren Reparierbarkeit und Ersatzteilverfügbarkeit auch bis acht Jahre nach der Abkündigung eines Modells. Das unterscheidet uns klar von Anbietern, die Maschinen nach wenigen Jahren ersetzen lassen wollen.
Hansjürg Marti: Nachhaltigkeit zeigt sich für uns auch sehr stark im Service. Spätestens in der Corona-Zeit wurde deutlich, wie wichtig Themen wie Halbleiter, Platinen und Materialverfügbarkeit sind. Die Frage ist: Kann ich Komponenten prüfen, aufarbeiten und wiederverwenden – oder tausche ich sie einfach komplett aus?
Ein gutes Beispiel sind Displays. Das sind wichtige, aber auch ressourcenintensive Bauteile. Wenn es gelingt, diese professionell aufzubereiten und erneut einzusetzen, ist das zwar aufwendiger, aber deutlich nachhaltiger. Genau hier sehen wir einen der nächsten großen Hebel: Service nachhaltiger zu machen.
Bernd Anton: Für uns spielt auch der Cradle-to-Cradle-Gedanke eine Rolle. Materialien werden gekennzeichnet, Werkstoffe nachvollziehbar gemacht. Gleichzeitig integrieren wir viele funktionale Nachhaltigkeitsaspekte direkt in die Maschinen: Öko-Modi, reduzierte Kesseltemperaturen bei Nichtnutzung, abschaltbare Displays.
Ein weiterer Punkt ist die Vermeidung von Rohstoffverschwendung. Gerade beim Thema Milch entsteht bei manueller Zubereitung oft unnötiger Überschuss. Mit Lösungen wie der WMF espresso NEXT können wir sehr exakt dosieren und so Milchabfall deutlich reduzieren. Nachhaltigkeit besteht aus vielen einzelnen Stellschrauben – und genau dort setzen wir an.
Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit zunehmend auch im Dialog mit Kunden und in Ausschreibungen?
Benjamin Thurner: Eine sehr große. Wir sehen vor allem bei großen Kunden und Ausschreibungen, dass Nachhaltigkeit systematisch abgefragt wird. Röstereien, Tankstellenketten oder internationale Betreiber müssen ihre Emissionen berechnen und reduzieren – und kommen gezielt auf uns zu, um Daten und Unterstützung zu bekommen.
Wir haben dafür eine eigene Nachhaltigkeitsmanagerin, die sich genau mit diesen Fragestellungen beschäftigt: Wie können wir unseren eigenen Footprint und den unserer Kunden senken? Diese Arbeit betrifft inzwischen alle Technologien, nicht nur den Vollautomatenbereich. Ein Beispiel: Bei La San Marco haben wir sehr früh die Boilerisolierung eingeführt, weil Energieeffizienz für uns seit Jahren ein zentrales Thema ist.
Hansjürg Marti: Am Ende ist Energie einer der größten Kosten- und Umweltfaktoren. Deshalb setzen wir stark auf effiziente Technologien, etwa kompakte Boilerlösungen mit sehr kurzen Aufheizzeiten. Diese Systeme benötigen deutlich weniger Strom als klassische große Boiler – in manchen Fällen sprechen wir von bis zu zwei Dritteln weniger Energieverbrauch.
Das sind sehr konkrete, messbare Effekte. Und genau solche Zahlen werden für Kunden immer wichtiger, wenn sie Nachhaltigkeit ernsthaft bewerten wollen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Michael Teodorescu
Gelebte Barrierefreiheit
Wie WMF Professional Coffee Machines das Thema Barrierefreiheit in der gastronomischen Praxis umsetzt? Lesen Sie dazu den Beitrag Gelebte Barrierefreiheit bei DATEV in Nürnberg.
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