Trinken steht, wenn es um die Ernährung geht, häufig an zweiter Stelle. Warum es allerdings oberste Priorität im Kita- und Schulalltag haben sollte und wie man ein gesundes Trinkverhalten fördert, hat uns die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Alexa Iwan verraten.
Frau Dr. Iwan, warum sollte das Trinken in der Kita und Schule nicht vergessen werden? Welche Rolle spielen dabei einerseits die Flüssigkeitsmenge und andererseits die Regelmäßigkeit des Trinkens?
Kleine Kinder haben im Vergleich zu Erwachsenen einen höheren Flüssigkeitsbedarf. Das liegt daran, dass ihre Körperoberfläche im Verhältnis zu ihrem Gewicht größer ist und deshalb mehr Wasser verdunstet als bei Erwachsenen. Außerdem atmen Kinder schneller und auch dabei geht Feuchtigkeit verloren.
Da Kinder beim Spielen und Herumtoben das Trinken leicht vergessen, ist es wichtig ihnen immer wieder aktiv etwas anzubieten bzw. regelmäßige Trinkpausen einzulegen. Kommt es zu einer Dehydratation, also einem echten Flüssigkeitsmangel, werden Kinder matt und teilnahmslos. Der Blutdruck sinkt, während der Puls rast, weil sich der Elektrolythaushalt verschiebt. Eine nicht ungefährliche Situation.
Welche Menge an Flüssigkeit sollten Kinder während einem üblichen Schultag (6 Stunden) oder dem Aufenthalt in der Kita im Idealfall trinken?
Auch bei Kindern gilt: Wer viel herumtobt und schwitzt, muss mehr trinken als ein Couch-Potato. Und genau wie Erwachsene sollten Kinder an heißen Tagen mehr trinken als an kühlen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt für unter 4-Jährige 1,3 Liter Wasser pro Tag, für 4- bis 6-Jährige 1,6 Liter Wasser pro Tag und für Grundschulkinder 1,8 Liter Wasser pro Tag. Meine Empfehlung wäre, dass ein Schulkind während eines 6-Stunden-Schultags mindestens 750 Milliliter Wasser trinkt; der Rest verteilt sich auf die Getränke während der Mahlzeiten sowie die freie Zeit am Nachmittag. Ausreichend zu trinken wirkt sich übrigens auch positiv auf die Lern- und Gedächtnisleistung aus!

Inwieweit besteht die „Gefahr“, dass Kinder in Kita und Schule das Trinken vergessen?
Kindergartenkinder vergessen das Trinken gerne im Eifer des Spielens. Schulkinder hingegen vermeiden das Trinken in der Schule häufig aktiv, weil sie die verschmutzten Toiletten nicht benutzen möchten.
In den Kitas sollten die Erzieher immer wieder für Trinkpausen sorgen und im Auge haben, dass auch wirklich jedes Kind etwas trinkt. Regelmäßig zu trinken kann man sich angewöhnen und je früher solche Gewohnheiten etabliert werden, desto besser.
Die Situation für Schulkinder ist nicht so einfach zu lösen und ein echtes Problem in vielen Schulen. Da nutzt es auch wenig, wenn die Lehrer zum Trinken animieren. Für die Schüler hingegen ist es fatal, wenn sie nicht ausreichend trinken, denn das Gehirn braucht Flüssigkeit zum Lernen. Insofern ist es wichtig, dass sich alle Beteiligten der Tragweite der Umstände bewusst sind und gemeinsam daran arbeiten, ein für Kinder gesundes (Trink-)Umfeld zu schaffen.
Wie können Erzieher und Lehrer dazu beitragen, dass Kinder regelmäßig trinken? Haben Sie bestimmte Trink-Tipps parat, die im Kontext Kita und Schule gut und einfach umsetzbar sind?
Bei kleinen Kindern kann man mit bunten Bechern arbeiten: Jedes Kind bekommt vier verschiedenfarbige Becher. Und die Herausforderung lautet: bis zum Ende des Kita-Tages muss jeder Becher mindestens einmal leergetrunken worden sein. Auch kann man die Kinder-Ernährungspyramide des Bundeszentrums für Ernährung nutzen: Jedes Kind erhält morgens eine Kopie und darf im Laufe des Tages für jeden getrunkenen Becher Wasser ein entsprechendes Feld in der Pyramide abhaken. Am Ende des Tages kann man vergleichen, wer die vorgegebene Trinkmenge geschafft hat.
Schulkindern kann man die Relevanz einer ausreichenden Flüssigkeitszufuhr sicherlich altersgerecht im Unterricht erklären. Wichtig ist aber gleichzeitig, dass ein trinkfreundliches Umfeld geschaffen wird. So sollte es z. B. erlaubt sein, im Unterricht eine Wasserflasche auf dem Tisch stehen zu haben und daraus zu trinken.
Welche Getränke eignen sich besonders für Kinder im Kita- bzw. Schulalter?
Wer Durst hat, sollte Wasser trinken – egal ob sprudelig oder still. Wenn Kinder dies konsequent in der Kita lernen, werden sie ihr Leben lang auf diese gesunde Gewohnheit zurückgreifen können. Wichtig ist, dass keine süßen Getränke in Sichtweite herumstehen und für alle Kinder dieselben Regeln gelten. Manches Kind braucht ein paar Tage, um sich ans Wassertrinken zu gewöhnen, aber in der Regel klappt es in der Gruppe gut.
Zu besonderen Anlässen sind aber natürlich auch mal besondere Getränke erlaubt. Hier eignen sich Saftschorlen. Ein gutes Mischungsverhältnis für Kindergartenkinder ist ein Teil Saft plus drei Teile Wasser. Fertig gemischte Schorlen sind weniger geeignet, denn diese enthalten meist deutlich mehr Saft – und damit mehr Zucker, als wenn man nach genannter Formel selbst mischt.
Haben Sie spezielle Tipps, wie man Kita- und Schulkinder, die nur wenig/ungern trinken, daran gewöhnen kann, ausreichend zu trinken?
Es kann helfen, wenn man versucht, Wasser appetitlich aussehen zu lassen, denn das Auge trinkt mit – z. B. mit Scheiben von Zitrusfrüchten oder Erdbeeren, Trauben oder Ananasstücken. Viele Kinder finden auch Wasser mit Minze, Basilikum oder Rosmarin spannend. Auf diese Weise kommt Geschmack ins Wasser, aber kein Zucker. Stehen Karaffen mit derartig angereichertem Wasser sichtbar auf dem Tisch oder Küchentresen, so können sich die Kinder jederzeit daran bedienen. Ansonsten helfen Becher-Challenges, persönliche Ermunterungen, Trink-Apps auf dem Handy, Fitnessuhren mit Erinnerungsfunktion – aber allen voran: sollten Erzieher, Lehrer und Eltern ein gutes Vorbild sein.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Quelle: B&L MedienGesellschaft