Was bringt die DIN 77235 Gastgebern ganz konkret? Experte Michael Jama erklärt im Interview, warum ein Standard in der Analyse so wichtig ist, welche fünf Themenfelder jeder Betrieb prüfen sollte – von Haftung bis Liquidität – und wie aus Soll-Ist-Abgleich und Priorisierung eine verlässliche Entscheidungsgrundlage wird.
Quelle: Privat

DIN 77235 in der Praxis: So läuft die Finanz- und Risikoanalyse für Gastronomiebetriebe

Was bringt die DIN 77235 Gastgebern ganz konkret? Experte Michael Jama erklärt im Interview, warum ein Standard in der Analyse so wichtig ist, welche fünf Themenfelder jeder Betrieb prüfen sollte – von Haftung bis Liquidität – und wie aus Soll-Ist-Abgleich und Priorisierung eine verlässliche Entscheidungsgrundlage wird.

Michael Jama über die DIN 77235

Herr Jama, was ist die DIN-Norm 77235? Und für wen ist sie gedacht?

Die DIN 77235 „Risiko- und Finanzanalyse für Selbstständige, Freiberufler und KMU’s“ ist ein Leitfaden, mit dessen Hilfe man als Berater eine fundierte Bestandsaufnahme der Finanzsituation einer Firma strukturieren kann. Sie kann bei allen Selbständigen sowie kleineren und mittleren Unternehmen angewendet werden.

Warum brauchte es überhaupt eine Norm für Gewerbetreibende?

Bisher war die Quantität und Qualität einer Bestandsanalyse der Risko- und Finanzsituation einer Firma davon abhängig, wie erfahren der Berater war oder welches Beratungskonzept dieser angewendet hat. Die Analyse-Ergebnisse waren sehr uneinheitlich, immer stark Berater-individuell und damit auch wenig verlässlich. Es war nie sichergestellt, dass wirklich alle relevanten Finanzthemen betrachtet wurden. Das führte teilweise zu lückenhaften Analysen und damit zu Beratungsfehlern. Insofern fehlte die vollständige Sicherheit sowohl für Berater als auch die Kunden.

Was unterscheidet die DIN-Analyse von einer klassischen Finanzberatung?

Die DIN-Analyse wurde von einem Gremium von Experten aus unterschiedlichen Branchensegmenten und Wissenschaftlern entwickelt. Man könnte sagen, es ist Leitfaden von Fachleuten für Fachleute – ein allgemeingültiges Regelwerk.

Bei der Analyse nach DIN-Norm werden alle theoretisch möglichen Finanzthemen betrachtet und auf ihre Relevanz geprüft. Der zu analysierenden Firma wird aufgezeigt, welche Finanzthemen speziell für sie bedeutend und welche eher unbedeutend sind. Dabei werden Soll-Werte bestimmt und den Ist-Werten gegenübergestellt. Eine anschließende Priorisierung hilft als Entscheidungsgrundlage für  Absicherungsentscheidungen.

In der klassischen Finanzberatung war schon die Analyse eher direkt produktbezogen. Analyse und Beratung waren eher eins. Die DIN-Analyse setzt bei der Bestandsaufnahme an und analysiert abschließend. Erst nach der Analyse-Dokumentation und der abgestimmten Priorisierung der relevanten Themen wird beraten und über mögliche Produktlösungen gesprochen. Das schafft Vertrauen, eine bessere, neutralere Entscheidungsgrundlage und damit mehr Orientierung und Sicherheit bei den darauffolgenden Finanzentscheidungen.

Was kostet den Gastronomen die Analyse durch einen zertifizierten Berater?

Die Kosten sind abhängig vom Aufwand für die Analyse und werden ganz fair vor der Analyse ermittelt und transparent erklärt. Sie starten meist bei 250 Euro und sind als Betriebsausgaben von der Steuer absetzbar.

Wann ist der beste Zeitpunkt für solch eine Analyse? Schon vor dem Betriebsstart?

Auf jeden Fall. Denn damit hat man Orientierung, Sicherheit und ein gutes Gefühl für die richtigen und wichtigen Finanzentscheidungen. Damit kann man sich voll auf seine eigene Kernkompetenz konzentrieren und hat den Kopf frei für sein eigenes Business.

Welche Themenfelder deckt die Norm ab – und was bedeuten sie speziell für die Gastronomie?

Es gibt fünf grundsätzlich zu betrachtende Analysebereiche: Haftung, Menschen im Unternehmen, Liquidität bzw. Währung, Verlust bzw. Beschädigung von Sachwerten und Recht. Themenfelder, die jeden Gastronomiebetrieb betreffen, weil die darin behandelten Risiken und Möglichkeiten für Finanzierungsoptimierungen nur selten umfänglich erkannt werden.  

Wo sehen Sie die größten finanziellen Risiken in einem Gastronomiebetrieb?

Schwerpunkte sehe ich hier im Bereich der Haftung, bei durch Mitarbeitende verursachten Schäden aber insbesondere bei Risiken aufgrund von Fehlern im Liquiditätsmanagement.

Wie hilft die Norm, genau diese Risiken messbar und greifbar zu machen?

Die Norm betrachtet alle möglichen Finanzthemen und gleicht diese mit den für die Firma relevanten ab, gewichtet in bedeutend und unbedeutend, macht einen Soll-Ist-abgleich und hilft beim Priorisieren. Viele Themenfelder und Risiken betreffen alle kleinen und mittleren Unternehmen, ganz gleich in welcher Branche sie tätig sind.

In der Detailbetrachtung aber zeigt sich, dass manche Themen in der Gastronomie eine höhere Relevanz haben und deshalb höher priorisiert werden müssen. Ein Umsatzausfall wegen eines defekten Ofens ist unwiederbringlich, bei einer Tischlerei verzögert sich bei einem defekten Werkzeug lediglich die Auslieferung, der Umsatz aber ist kaum gefährdet.

Warum sind gerade die Bereiche Betriebshaftung, Kühlkette, Technik und Inhaber-Ausfall in der Gastronomie so kritisch?

Wo Menschen in eigenen Räumen empfangen, bedient und mit Nahrung versorgt werden, ist das Risiko gesundheitlicher Schäden aufgrund unsachgemäßen Umgangs mit Nahrungsmitteln überproportional hoch. Und: Gerade in der Gastronomie übernimmt der Inhaber oftmals mehrere Aufgabenbereiche gleichzeitig und ist unersetzlich. Sein Ausfall kann sich ohne Absicherung schnell existenzbedrohend auswirken.

Wie läuft eine Analyse nach DIN 77235 konkret ab?

Nach dem Kennenlernen geht es direkt in die Datenaufnahme der Ist-Situation und den Ist-Werten. Anschließend identifizieren Berater und Gastronom die jeweiligen relevanten Finanzrahmen. Es folgt die Festlegung von individuellen Orientierungsgrößen als Soll-Werte. Diese ordnet der Berater den bestehenden Ist-Werten, also etwa bereits vorhandenen Versicherungen oder vorhandener Liquidität, zu. Die Gegenüberstellung und der Abgleich der einzelnen Positionen zeigt Defizite auf oder aber auch, wo Überversicherungen oder zu hohe Finanzierungen bestehen, wo also Liquidität freizubekommen ist.  

Wie sieht das Ergebnis der Analyse bzw. der Abschlussbericht aus – was bekommt ein Betrieb an die Hand?

Natürlich präsentieren DIN-zertifizierte Berater am Schluss eine vollständige und ausführliche Analyse in schriftlicher Form, transparent und verständlich. Auch der Laie erkennt daraus schnell, welche Finanzthemen womöglich vorerst zurückgestellt werden können und wo Handlungsbedarf dringend geboten ist. Und zwar auf Basis einer neutralen Analyse und nicht weil jemand seine Versicherungen verkaufen will.

Was bringt die Analyse im besten Fall: Kosteneinsparungen, Risikominimierung, Planungssicherheit?

Alles in einem. Insbesondere das gute Gefühl, nichts vergessen zu haben, damit Sicherheit, eine transparente Orientierungshilfe und folglich eine Entscheidungsgrundlage für mögliche nächste Schritte

Wie kann ein Gastronom direkt nach der Analyse erste Maßnahmen umsetzen?

Gastronomen bekommen über die Finanzanalyse nach DIN-Norm einen ganzheitlichen Überblick ihrer finanziellen Situation inklusive Risikoanalyse. Wie jedes große Unternehmen einen Riskmanager engagiert, kann dank dieser DIN-Norm 77235 nun auch ein kleines oder mittelgroßes Unternehmen mit der Hilfe eines zertifizierten Beraters seiner Wahl die während der Analyse als notwendig identifizierten Schritte gehen.

Wichtig ist dabei, dass die Beratung stets ganzheitlich erfolgt, sie sich an die ermittelte Priorisierung hält und sie nicht zu einem Flickenteppich von Einzel-Produkten verschiedener Berater besteht, die immer wieder die Empfehlungen anderer infrage stellen und nur aus eigenem Verkaufsinteresse handeln.  

Gibt es typische Fehlannahmen aus der Praxis, die die Norm regelmäßig widerlegt?

Ja, und zwar zuallererst die Annahme: Mir kann dieses oder jenes Risiko nicht passieren. Ich weiß am besten, was gut für mich ist. Aber: Kein Gastronom ist vor Risiken und Fehlern gefeit, auch nicht die erfolgreichen. Die meisten kennen nicht einmal deren ganze Bandbreite. Und kaum einer hat das Fachwissen zu Absicherungen oder Finanzierungsmöglichkeiten, um Prioritäten setzen oder Beratungsleistungen beurteilen zu können. Mit der DIN 77235 befindet er sich auf der sicheren Seite hinsichtlich einer kosteneffizienten, nachvollziehbaren und ganzheitlich optimierten Kontrolle seiner finanziellen Situation.    

Danke für das Gespräch!

Quelle: Redaktion 24 Stunden Gastlichkeit, Defino Institut

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Bild von Jeanette Lesch

Jeanette Lesch

Jeanette Lesch ist Chefredakteurin des Fachmagazins 24 Stunden Gastlichkeit und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Vielfalt, Kreativität und Dynamik der Gastronomiebranche sichtbar zu machen. Mit einem journalistischen Hintergrund, einem feinen Gespür für Trends und einem großen Herz für Gastgeber begleitet sie die Branche redaktionell seit zehn Jahren – kritisch, nah dran und immer mit Blick auf das, was zählt: Qualität, Authentizität und Zukunftsfähigkeit.

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