Marie Trieschmann enthüllt in ihrer Masterarbeit: Schulessen für Jugendliche an weiterführenden Schulen wird mit diesen Stellschrauben attraktiver. Warum die Teilnahme am Schulessen im Jugendalter eklatant sinkt, hat sich die Wissenschaftlerin in ihrer Masterarbeit angesehen. Die folgenden Stellschrauben ließen sich drehen, damit das Schulessen auch an weiterführenden Schulen beliebter wird.
Marie Trieschmann, Projektleiterin für „Klimabewusste Ernährungsbildung für Kinder“ beim Landfrauenverband Hessen e. V., absolvierte ihren Master in „Public Health Nutrition“ an der Hochschule Fulda. In ihrer Masterarbeit untersuchte sie, wie der Zugang zur Schulverpflegung an weiterführenden Schulen im Kreis Groß-Gerau verbessert werden könnte. Ziel war es – basierend auf den Bedürfnissen und Erwartungen der Jugendlichen – praxisnahe Handlungsempfehlungen für Schulen, Schulträger und Caterer abzuleiten. Da die identifizierten Hürden – Preisgestaltung, Zeitmanagement, Flexibilität und Akzeptanz des Essens –struktureller Natur sind, lassen sich die Ergebnisse gut auf andere Regionen ableiten.
Zugang zur Schulverpflegung an weiterführenden Schulen
Die Arbeit basiert auf einer systematisch angelegten Literaturrecherche zur Identifikation möglicher Einflussfaktoren auf den Zugang zur Schulverpflegung aus Sicht der Schüler*innen. Darauf aufbauend wurde eine anonyme Online-Befragung an weiterführenden Schulen im Kreis Groß-Gerau durchgeführt. Der Fragebogen orientierte sich u. a. an bestehenden Erhebungsinstrumenten zur Schulverpflegung und umfasste Themen wie Teilnahmegründe, Rahmenbedingungen, Bewertung des Essens, Essensauswahl, Nachhaltigkeit und alternative Verpflegungsmöglichkeiten. Neun von elf angefragten Schulen nahmen teil. Insgesamt beteiligten sich 1.635 Schüler*innen der Klassenstufen 5 bis 13 an der Befragung, was einer Rücklaufquote von 18 % entspricht.
Die Masterarbeit von Marie Trieschmann überzeugt durch klare Anwendungsorientierung und konsequenten Einbezug der Perspektive der SchülerInnen. Die Auszeichnung mit dem Oecotrophica-Preis 2025 unterstreicht die wissenschaftliche Qualität und den Praxisnutzen der Ergebnisse.
Prof. Dr. Linda Chalupová, Hochschule Fulda
Frau Trieschmann, was war Ihre Motivation für die Forschungsfrage Ihrer Masterarbeit zum Schulessen?
Sie ergab sich aus der Beobachtung, dass die Teilnahme an der Schulverpflegung vielerorts – so auch im Kreis Groß-Gerau – mit steigendem Alter deutlich zurückgeht. Die zentrale Fragestellung lautete daher: Woran liegt dieser Rückgang und an welchen Stellschrauben kann angesetzt werden, um Älteren einen besseren Zugang zu ausgewogener Ernährung im Schulalltag zu ermöglichen?
Ich sehe Schulverpflegung als Ansatz der Verhältnisprävention. Ungesunde Ernährungsweisen zählen heute zu den größten Gesundheitsrisiken – auch bei Kindern und Jugendlichen. Die Schulverpflegung gilt als zentraler Ansatz der Verhältnisprävention: Sie kann Ernährungsgewohnheiten positiv beeinflussen, soziale Teilhabe fördern und gesundheitliche Chancengleichheit unterstützen. Gleichzeitig zeigen zahlreiche Studien, dass die Teilnahme an der Schulverpflegung mit zunehmendem Alter deutlich abnimmt.
Was hat sich bzgl. Schulessen für Jugendliche bestätigt und was hat Sie dagegen überrascht?
Ausgangspunkt war, dass nicht allein das Vorhandensein eines Schulessens über die Teilnahme entscheidet, sondern vor allem
- die Rahmenbedingungen in Form von Raumgestaltung, Zeit, Kosten und Bezahlungssystem,
- Qualität, Angebot und Geschmack des Essens.
- Alternativangebote (in Form von Snackautomaten oder nahegelegenen Imbissständen).
Diese Annahmen haben sich gerade mit Blick auf Einflussfaktoren wie Preis, Geschmack, Zeit und Flexibilität beim Schulessen für Jugendliche bestätigt. Deutlich wurde zudem, dass die Anforderungen an die Schulverpflegung stark jahrgangsabhängig sind. Pauschale Lösungen werden den Bedürfnissen weiterführender Schulen häufig nicht gerecht.
Überraschend war, dass Themen wie Nachhaltigkeit oder Konkurrenz durch externe Außer-Haus-Angebote (z. B. Imbisse oder Bäckereien) für die Mehrheit der Befragten eine untergeordnete Rolle als Einflussfaktoren in der Verpflegungsentscheidung spielten.
Oft stehen alltagspraktische Aspekte beim Schulessen für Jugendliche im Vordergrund:
- Schmeckt das Essen?
- Ist es bezahlbar?
- Reicht die Zeit in der Pause?
Was sind die wichtigsten Ablehnungsgründe bzw. Alternativen beim Schulessen für Jugendliche?
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- Geschmack und Preis sind die am häufigsten genannte Gründe für die Nicht-Teilnahme von Jugendlichen am Schulessen.
- In den Jahrgangsstufen 11–13 stellt der Zeitfaktor (zu kurze Pausen) einen zusätzlichen zentralen Hinderungsgrund dar.

- Auch das als störend empfundene lange Anstehen sowie unflexible Bestell- und Abholsysteme wirken sich negativ auf die Teilnahmebereitschaft aus.

- Viele Schüler*innen wünschen sich mehr Spontanität bei der Essensentscheidung sowie mehr Eigenständigkeit bei Portionsgrößen und der Zusammenstellung einzelner Komponenten.
- Bevorzugt werden warme, bekannte Speisen wie Pizza, Aufläufe oder überbackene Backwaren. Die Probierbereitschaft gegenüber unbekannten Gerichten ist insgesamt gering.
- Als Alternativen zum Schulessen dominieren mitgebrachtes Essen, der Supermarkt oder das Essen zu Hause. Klassische Imbissangebote spielen eine geringere Rolle als häufig angenommen. Während jüngere Jahrgänge insbesondere Wunschgerichte favorisieren, wollen Ältere die Möglichkeit, das Essen zu bewerten und direkte Rückmeldungen an den Caterer. Kommunikation sollte regelmäßig, niedrigschwellig und altersgerecht erfolgen und sichtbar in Anpassungen des Angebots münden.

Auffällig ist, dass sich in nahezu allen Themenfeldern deutliche Unterschiede zwischen den Jahrgangsgruppen zeigen, insbesondere in Bezug auf Zeitwahrnehmung, Mitbestimmungswünsche und Bewertungssystem.
Die Befragung macht deutlich, dass sich viele Schüler:innen mehr Beteiligung wünschen. Während jüngere Jahrgänge insbesondere Wunschgerichte favorisieren, bevorzugen ältere Schüler:innen Möglichkeiten zur Bewertung des Essens und zur direkten Rückmeldung an Caterer. Erfolgreiche Kommunikation sollte regelmäßig, niedrigschwellig und altersgerecht erfolgen und sichtbar in Anpassungen des Angebots münden.
Lassen sich Ihre Ergebnisse auf weitere Regionen übertragen?
Auch wenn die Untersuchung im Kreis Groß-Gerau durchgeführt wurde, sind viele Ergebnisse auf andere Regionen übertragbar. Die identifizierten Hürden – Preisgestaltung, Zeitmanagement, Flexibilität und Akzeptanz des Essens – sind struktureller Natur. Gleichzeitig verdeutlichen die Ergebnisse, wie wichtig es ist, lokale Rahmenbedingungen wie Pausenzeiten, räumliche Gegebenheiten und schulorganisatorische Strukturen bei der Gestaltung der Schulverpflegung zu berücksichtigen.
Als Alternativen zum Schulessen dominieren mitgebrachtes Essen, der Supermarkt oder das Essen zu Hause. Klassische Imbissangebote spielen eine geringere Rolle als häufig angenommen.
Marie Trieschmann
Welche Empfehlungen gibt Ihre Masterarbeit zum Schulessen für Caterer weiterführender Schulen?
- Flexibilität erhöhen. Spontane Teilnahme, modulare Menübestandteile und To-go-Optionen senken Zugangshürden erheblich.
- Geschmack und Akzeptanz priorisieren. Vertraute, gut umgesetzte Gerichte steigern die Teilnahmebereitschaft stärker als ein sehr breites, aber wenig akzeptiertes Angebot.
- Die Jugendlichen systematisch einbeziehen. Regelmäßiges Feedback, transparente Kommunikation und erkennbare Veränderungen fördern Vertrauen und Nutzung.
Die Schulverpflegung an weiterführenden Schulen kann nur dann wirksam sein, wenn sie sich konsequent an den Lebensrealitäten der Schüler*innen orientiert. Die Ergebnisse der Masterarbeit zeigen: Zugang entsteht dort, wo Preis, Zeit, Geschmack und Mitbestimmung zusammenkommen.
Herzlichen Dank für das Gespräch.