Chickpeace
Quelle: Chickpeace

Chickpeace: Qualifizierung als Schlüssel zur Integration

Aus einem Hamburger Cateringprojekt für geflüchtete Frauen ist ein Bildungsmodell entstanden, das Integration, Digitalisierung und Fachkräftesicherung auf bemerkenswerte Weise verbindet. Das Weiterbildungsprojekt von Chickpeace und der Deutschen Hotelakademie (DHA) setzt da an, wo Potenziale oft übersehen werden.

  1. Potenziale sind oft vorhanden, die Zugänge fehlen. Viele geflüchtete Frauen bringen berufliche Erfahrungen und Kompetenzen mit, die bislang nicht sichtbar werden.
  2. Digitale Bildung funktioniert besonders gut, wenn sie praxisnah ist. Lernen und Anwenden greifen im Programm unmittelbar ineinander.
  3. Selbstwirksamkeit ist ein Schlüssel zur Integration. Wer eigene Entwicklung erlebt, gewinnt Vertrauen für den nächsten beruflichen Schritt.

Die Geschichte von Chickpeace

Wenn über Integration in den Arbeitsmarkt gesprochen wird, geht es meist um Defizite: fehlende Sprachkenntnisse, fehlende Abschlüsse, fehlende Berufserfahrung in Deutschland. Die Geschichte von Chickpeace beginnt dagegen mit einer anderen Perspektive, nämlich der Frage, was Menschen bereits mitbringen. 

Als sich 2016 im Rahmen des Projekts „Buffetbegegnungen“ geflüchtete Frauen und Hamburgerinnen regelmäßig zum gemeinsamen Kochen trafen, stand zunächst der Austausch im Mittelpunkt. Schnell wurde jedoch deutlich, welches Wissen, welche Kochkunst und welche Erfahrungen die Frauen aus ihren Herkunftsländern mitbrachten. Aus den Begegnungen entstand zunächst die Idee, ein Straßenfest kulinarisch zu begleiten. Daraus entwickelte sich schließlich Chickpeace. 

„Ich hatte Angst, in einer Küche in Deutschland zu arbeiten. Jetzt fühle ich mich sicher und habe ­Vertrauen in mich gewonnen.“

Hassana, Teilnehmerin von Chickpeace

Chickpeace ist heute ein erfolgreiches Cateringunternehmen, das jährlich mehrere 100 Veranstaltungen in Hamburg und Umgebung beliefert. Doch mit der praktischen Arbeit zeigte sich auch eine Herausforderung: Viele der Frauen verfügten über großes Talent und viel Motivation, stießen beim weiteren beruflichen Weg jedoch auf strukturelle Hürden. Sprachbarrieren, fehlende Zertifikate oder mangelnder Zugang zu passenden Bildungsangeboten erschwerten den Einstieg in den Arbeitsmarkt.

Hybrider Ansatz

Die Gastronomie kämpft seit Jahren mit einem zunehmenden Arbeitskräftemangel. Restaurants, Caterer und Hotels suchen Mitarbeitende, während auf der anderen Seite motivierte Menschen auf Chancen warten. Die entscheidende Frage lautete daher: Wie lassen sich diese beiden Realitäten zusammenbringen? Die Antwort entstand in einer Kooperation zwischen Chickpeace und der Deutschen Hotelakademie.

Hybrid: Auszug aus der digitalen Schulung, einer von drei Säulen des hybriden Bildungsmodells. (Quelle: DHA)

Gemeinsam entwickelten die Partner das Qualifizierungsprogramm „Food Service Assistance“. Das Besondere daran ist nicht allein der Inhalt, sondern vor allem die Art des Lernens. Statt auf klassische Unterrichtsformate setzt das Programm auf einen hybriden Ansatz aus digitalem Lernen, praktischer Anwendung und persönlicher Begleitung. „Bei Chickpeace sehen wir jeden Tag, wie viel Erfahrung, Stärke und Können die Frauen mitbringen. Was ihnen oft fehlt, sind nicht Fähigkeiten, sondern Zugänge und passende Lernsettings“, sagt Manuela Maurer, Geschäftsführerin von Ponton 3 e.V. und Ini­tiatorin von Chickpeace. „Genau hier setzt unser Programm an: Wir greifen vorhandene Kompetenzen auf und entwickeln sie durch praxisnahes, zeitgemäßes Lernen weiter. Daraus entstehen für die Frauen nicht nur neue Perspektiven, sondern ganz konkrete berufliche Wege.“

Zwischen Familie und Beruf

Viele Teilnehmerinnen bewegen sich täglich zwischen Kinderbetreuung, Spracherwerb, Familienaufgaben und Arbeit. Klassische Bildungsangebote stoßen hier oft an ihre Grenzen. Digitale Lernformate schaffen dagegen Flexibilität. Die Teilnehmerinnen können Lerninhalte mobil abrufen und in ihren Alltag integrieren. Gleichzeitig bleibt die Weiterbildung nicht im Digitalen stehen. Gelernt wird dort, wo die berufliche Zukunft stattfinden soll: in der Praxis. Das Konzept folgt dabei einem einfachen Grundsatz: Kompetenzen entwickeln sich besonders nachhaltig, wenn Wissen unmittelbar angewendet werden kann. Was digital erarbeitet wird, wird anschließend im Arbeitsalltag erprobt. Erfahrungen aus der Praxis fließen wiederum zurück in den Lernprozess. 

Quelle: Bettina Theuerkauf

„Bei Chickpeace sehen wir jeden Tag, wie viel Erfahrung, Stärke und Können die Frauen mitbringen. Was den Frauen oft fehlt, sind nicht Fähigkeiten, sondern Zugänge und passende Lernsettings.“

Manuela Maurer, Geschäftsführerin bei Ponton 3 e.V.

Für die DHA war das Projekt eine Bestätigung ihres Ansatzes, wie berufliche Bildung heute und künftig gestaltet werden kann: individueller, niedrigschwelliger und näher an den Lebensrealitäten der Lernenden.

Selbstwirksamkeit als Erfolgsfaktor

Die Ergebnisse der Pilotphase machen deutlich, dass Bildung weit über Fachwissen hinausgeht. Neben verbesserten Sprachkenntnissen zeigte sich vor allem ein wachsendes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Die Frauen konnten erleben, wie ihr Wissen sichtbar wird, wie sie Aufgaben eigenständig übernehmen und wie sie ihre Fähigkeiten erfolgreich im Berufsalltag einsetzen können. Dieser Aspekt der Selbstwirksamkeit ist für Integrationsprozesse besonders bedeutsam. 

Die 39-jährige Hassana aus Ghana ist eine der Teilnehmerinnen. Zuvor arbeitete sie als Verkäuferin und absolvierte ihr Praktikum in der Kantine des Schauspielhaus Hamburg. Zu Beginn war sie unsicher, ob sie die Qualifizierung erfolgreich meistern würde. „Ich hatte Angst, in einer Küche in Deutschland zu arbeiten. Jetzt fühle ich mich sicher und habe Vertrauen in mich gewonnen“, lautet ihr Fazit. 

Wer erlebt, etwas bewirken zu können, entwickelt neue Zuversicht für weitere Schritte, sei es im Beruf, bei der Weiterbildung oder im persönlichen Umfeld. Merle Losem, Geschäftsführerin der DHA, sieht darin einen wesentlichen Erfolgsfaktor des Projekts: „Unser hybrides Lernmodell aus digitalem Training, praxisnahen Phasen und individueller Betreuung schafft ideale Voraussetzungen, um Menschen nachhaltig zu stärken und auf ihrem beruflichen Weg zu begleiten. Zu erleben, wie dieses Konzept reale Chancen eröffnet und einen Unterschied macht, bestätigt uns in unserer Arbeit und zeigt, wie kraftvoll Bildung sein kann, wenn sie nah am Leben der Menschen ist.“

Modell mit Signalwirkung

Die Bedeutung von „Food Service Assistance“ reicht deshalb über die Qualifizierung einzelner Teilnehmerinnen hinaus. Das Projekt zeigt beispielhaft, wie Bildungsangebote gestaltet werden können, um gesellschaftliche Teilhabe und wirtschaftliche Anforderungen miteinander zu verbinden. Anstatt Menschen auf Defizite zu reduzieren, baut das Konzept auf vorhandene Ressourcen auf. Anstatt Integration als getrennte soziale Aufgabe zu betrachten, wird sie mit konkreten beruflichen Perspektiven verknüpft. Und anstatt Digitalisierung als Selbstzweck zu verstehen, wird sie genutzt, um Bildung zugänglicher und flexibler zu gestalten. 

Stolzes Projektteam (v.l.): Sarah Gregor (DHA), Manuela Maurer, Marjan van Harten und Antje de Vries (Quelle: Maria Feck)

Für die DHA liefert das Projekt zudem weitere Impulse für die Zukunft beruflicher Weiterbildung. Das Programm wurde inzwischen sowohl mit dem eLearning Award 2026 als auch als Fernstudienprojekt des Jahres 2026 und mit dem Preis für die Produktinnovation des Jahres des Hotelverbands Deutschland (IHA) ausgezeichnet. „Warum das Projekt aus unserer Sicht so wertvoll ist: Es geht um geflüchtete Frauen, die aus ihren Erfahrungen und Kompetenzen berufliche Perspektiven entwickeln, um ein Social Business, das seine Integrationsarbeit konsequent weiterdenkt und eine Bildungsinitiative, die zeigt, dass Weiterbildung am erfolgreichsten ist, wenn sie dort beginnt, wo Menschen stehen“, resümiert Merle Losem.

Nachgefragt bei Merle Losem

Quelle: DGBB

„Wir wünschen uns, dass dieses Projekt viele Nachahmer findet und freuen uns über weitere Partnerschaften mit GV-Betrieben, die sich an Qualifizierung und Integration beteiligen wollen.“

Merle Losem, Geschäftsführerin der DHA

Inwiefern können andere GV-Betriebe vom Projekt zwischen DHA und Chickpeace profitieren?

Mit dem Chickpeace-Projekt und Food Service Assistance zeigen wir, wie digitale Bildung und praxisnahe Qualifizierung neue Zielgruppen und ein bisher „ungenutztes“ Potenzial an Arbeitskräften für die Gemeinschaftsverpflegung erschließen können. Das Chickpeace-Konzept verbindet mehrsprachige digitale Lernmodule mit einer intensiven Praxisbegleitung und ermöglicht so einen niedrigschwelligen Einstieg in den Beruf. Davon profitieren beide Seiten: Die Teilnehmerinnen entwickeln fachliche, sprachliche und soziale Kompetenzen, während die Betriebe motivierte Mitarbeitende für sich gewinnen, die gezielt auf ihren Einsatz vorbereitet wurden. Das Modell lässt sich auf weitere Zielgruppen übertragen und eröffnet neue Wege der Personalgewinnung und -entwicklung.

Seid ihr offen für weitere individuelle Kooperationen?

Unbedingt! Das Projekt Chickpeace ist von Anfang an als Kooperation zwischen Bildungsträger, Sozialunternehmen und Praxisbetrieben entstanden. Genau diese enge Zusammenarbeit ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Die Chickpeace-Akademie und wir freuen uns über weitere Partnerschaften mit Unternehmen der Gemeinschaftsverpflegung, die sich aktiv an Qualifizierung und Integration beteiligen möchten. Gemeinsam können wir Bildungsangebote weiterentwickeln, Praktikums- und Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen und Qualifizierungen an unterschiedliche betriebliche Anforderungen anpassen. So entstehen nachhaltige Win-win-Situationen – für die Betriebe ebenso wie für die Menschen, die eine neue berufliche Perspektive suchen.

Können einzelne Bausteine bereits jetzt genutzt werden?

Ja. Die entwickelten Web-Based-Trainings, digitale Lernmaterialien und Workbooks können bereits heute flexibel eingesetzt werden – beispielsweise zur Vorbereitung auf Praktika, zur Einarbeitung neuer Mitarbeitender oder als begleitende Qualifizierung im Arbeitsalltag. Dank der modularen Struktur lassen sich einzelne Lernbausteine ebenso nutzen wie das gesamte Qualifizierungskonzept. Die Inhalte können zudem an die Anforderungen verschiedener Betriebe angepasst werden.

Wie geht es mit Chickpeace weiter?

Die erste Klasse hat das Qualifizierungsprogramm inzwischen erfolgreich abgeschlossen. Besonders freuen wir uns darüber, dass die Teilnehmerinnen in Beschäftigung vermittelt werden konnten. Für geflüchtete Frauen, die häufig lange Zeit ohne berufliche Perspektive sind, bedeutet eine feste Arbeitsstelle weit mehr als ein Einkommen: Sie schafft Selbstständigkeit, gesellschaftliche Teilhabe und die Chance, in Deutschland wirklich anzukommen.

Genau das war die gemeinsame Vision von Chickpeace und der Deutschen Hotelakademie – und sie wird mit diesem Projekt Realität. Die Verbindung aus digitaler Qualifizierung, individueller Begleitung und betrieblicher Praxis hat sich als nachhaltiger Integrationsweg bewährt.

Deshalb geht das Projekt jetzt in die nächste Phase: Die nächsten Klassen sind bereits in Planung. Parallel entwickeln wir aufbauende Qualifizierungsangebote, mit denen die Absolventinnen ihre Kompetenzen weiter ausbauen und höhere Qualifikationsstufen erreichen können.

Unser Ziel ist es, nicht nur den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen, sondern langfristige Entwicklungsperspektiven in der Gemeinschaftsverpflegung und Gastronomie zu schaffen. Wir wünschen uns, dass dieses Projekt viele Nachahmer findet.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Von Anja Eigen

Quelle: B&L MedienGesellschaft

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Bild von Claudia Kirchner

Claudia Kirchner

Die Branche der Gemeinschaftsgastronomie begleitet Claudia Kirchner nun schon seit fast 20 Jahren, gestartet als journalistische Quereinsteigerin, wie im Fachjournalismus nicht selten. Dafür ist sie als Dipl.-Oecotrophologin quasi vom „Fach“. Und obwohl ihre Leidenschaft zu Studienzeiten eher der Ernährungsphysiologie und Mikrobiologie, denn der Haushalts- und Großküchentechnik galt, machte sie die redaktionelle Arbeit zu einer ausgewiesenen Technikexpertin. Als einstige FÖJ-lerin sensibilisiert für „Ökologie“, hat sie zudem deren „große Schwester“ – Nachhaltigkeit – frühzeitig in der Münchner Zentralredaktion zum Thema gemacht. Ihr Antrieb als Chefredakteurin des GVMANAGER, Redakteurin des Fachmagazins und Impulsgeberin der Zentralredaktion ist es, den Lesern praxistaugliche Tipps für den Umgang mit kleinen und großen Herausforderungen des Großküchenalltags an die Hand zu geben und spannende Einblicke in Erfolgsrezepte von Kollegen zu geben.

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