„Die Seele bleibt dieselbe – nur das Erlebnis wird noch schöner“: Hotelchefin Sandra Geiger-Pauli spricht im Interview nicht über ihren „neuen“, sondern „weiterentwickelten“ Bodenmaiser Hof.
first class: Frau Geiger-Pauli, was bedeutet es Ihnen persönlich, heute in vierter Generation Verantwortung für den Bodenmaiser Hof zu tragen?
Es ist für mich vor allem eine große Ehre – aber auch eine enorme Verantwortung. Der Bodenmaiser Hof ist nicht einfach ein Hotel, sondern ein Familienwerk, das über Generationen mit viel Leidenschaft aufgebaut wurde. Wenn ich durch unser Haus gehe, sehe ich nicht nur Räume, sondern die Geschichten meiner Großeltern, meiner Eltern und inzwischen auch unsere eigenen. Gleichzeitig bedeutet Tradition für mich nicht, an Vergangenem festzuhalten, sondern den Mut zu haben, das Haus immer wieder neu zu denken. Mein Ziel ist es, den Bodenmaiser Hof so weiterzuentwickeln, dass auch die nächste Generation stolz darauf sein kann.
Was wollten Sie damals bewusst anders machen – und was unbedingt bewahren?
Als ich 2006 zurückgekehrt bin, war mir klar, dass ich neue Ideen, moderne Konzepte und viele Erfahrungen aus anderen Häusern mitbringen wollte. Ich wollte Design, Wellness, Kulinarik und Qualität auf ein neues Niveau heben und dem Haus eine klare Handschrift geben.
Was ich aber niemals verändern wollte, ist das Herz unseres Hauses: die ehrliche Gastfreundschaft. Unsere Gäste sollen sich nicht wie Zimmernummern fühlen, sondern wie Menschen, die willkommen sind. Diese persönliche Nähe, die familiäre Atmosphäre und die Bodenständigkeit sind bis heute unser größtes Kapital.
Drei Begriffe für den Führungsstil von Sandra Geiger-Pauli?
Wertschätzend. Klar. Gemeinsam.
Ich glaube fest daran, dass Menschen nur dann Höchstleistungen bringen können, wenn sie sich gesehen und respektiert fühlen. Gleichzeitig braucht ein Unternehmen klare Entscheidungen und Verlässlichkeit. Gerade während unseres großen Umbaus musste ich lernen, auch unbequeme Entscheidungen zu treffen.
Und der dritte Begriff ist „gemeinsam“. Kein Hotel wird von einer Person erfolgreich geführt. Wir können unseren Gästen nur dann besondere Erlebnisse schenken, wenn alle Mitarbeiter an einem Strang ziehen. Deshalb sehe ich mich nicht nur als Geschäftsführerin, sondern als Teil eines großen Teams.
Warum dieser große Umbau statt einer schrittweisen Modernisierung?
Natürlich wäre eine abschnittsweise Modernisierung wirtschaftlich einfacher gewesen. Aber wir haben irgendwann erkannt, dass wir an einem Punkt angekommen sind, an dem einzelne Renovierungen nicht mehr ausreichen würden.
Wir wollten nicht nur etwas verschönern, sondern das Haus strukturell neu denken – für unsere Gäste, aber genauso für unsere Mitarbeiter und für die nächsten Jahrzehnte. Viele Bereiche wären mit kleinen Maßnahmen Kompromisse geblieben. Deshalb haben wir uns bewusst für den großen Schritt entschieden.
Wenn man Verantwortung für Generationen übernimmt, darf man manchmal nicht nur in den nächsten fünf Jahren denken, sondern in den nächsten dreißig.
Wie gelingt es, Stammgäste mitzunehmen?
Indem man nie vergisst, warum sie überhaupt kommen.
Unsere Stammgäste kommen nicht wegen einer bestimmten Fliese oder einer Sauna. Sie kommen wegen der Atmosphäre, der Herzlichkeit und dem Gefühl, angekommen zu sein.
Natürlich verändern wir unser Haus deutlich. Aber wir verändern nicht unsere Werte. Deshalb sprechen wir auch bewusst nicht von einem neuen Bodenmaiser Hof, sondern von einem weiterentwickelten Bodenmaiser Hof. Die Seele bleibt dieselbe – nur das Erlebnis wird noch schöner.
Welche Ziele stehen hinter dem Umbau?
Eigentlich alles zusammen. Natürlich möchten wir unsere Aufenthaltsqualität weiter steigern und neue Zielgruppen ansprechen. Gleichzeitig investieren wir aber genauso stark in bessere Arbeitsabläufe, moderne Technik und attraktive Arbeitsplätze.
Ein Hotel funktioniert nur dann nachhaltig erfolgreich, wenn Gäste begeistert sind und Mitarbeiter gerne hier arbeiten. Deshalb betrachten wir den Umbau immer als Gesamtprojekt und nicht nur als Investition in schöne Räume.
Was müssen Ferienhotels heute bieten?
Menschen suchen heute weit mehr als nur Urlaub. Sie suchen Zeit für sich selbst.
Gesundheit, Erholung, Bewegung, gutes Essen und mentale Entspannung werden immer wichtiger. Deshalb beschäftigen wir uns intensiv mit Themen wie Longevity, Regeneration und bewusster Erholung.
Gleichzeitig wünschen sich Gäste Individualität. Familien haben andere Bedürfnisse als Paare oder Best Ager. Unser Anspruch ist es, für jede Lebensphase das passende Urlaubserlebnis zu schaffen – ohne dass sich die Zielgruppen gegenseitig einschränken.
Weibliche Führung in der Hotellerie?
Ich habe nie versucht, besonders „weiblich“ oder besonders „männlich“ zu führen. Ich möchte authentisch führen.
Natürlich begegnet man als Frau manchmal anderen Erwartungen oder Vorurteilen. Aber ich glaube, Kompetenz, Klarheit und Glaubwürdigkeit haben kein Geschlecht.
Vielleicht bringen Frauen häufig eine andere Art der Kommunikation oder Empathie mit. Entscheidend ist aber letztlich immer, ob man Verantwortung übernimmt und Entscheidungen trifft.
Hat sich Ihr Blick auf Unternehmertum verändert?
Sehr sogar. Früher dachte ich oft, Unternehmertum bedeutet vor allem Wachstum und Erfolg. Heute weiß ich, dass Verantwortung viel weiter geht. Man trägt Verantwortung für Mitarbeiter und deren Familien, für Gäste, für Partner, für die Region und letztlich auch für die eigene Familie.
Ich habe gelernt, dass Stärke nicht bedeutet, alles allein schaffen zu müssen. Stärke bedeutet auch, Vertrauen zu schenken, Verantwortung abzugeben und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.
Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit?
Nachhaltigkeit beginnt für mich viel früher als bei Photovoltaik oder Wärmepumpen. Sie beginnt mit Entscheidungen, die auch in zwanzig oder dreißig Jahren noch richtig sind.
Deshalb investieren wir in langlebige Materialien, energieeffiziente Technik, hochwertige Qualität und Strukturen, die dauerhaft funktionieren. Wir arbeiten bewusst mit regionalen Partnern und Handwerksbetrieben zusammen, weil wir überzeugt sind, dass Wertschöpfung in der Region beginnt.
Nachhaltigkeit bedeutet für mich, nicht kurzfristig günstig zu bauen, sondern langfristig sinnvoll.
Wo sehen Sie die größere Verantwortung eines Familienhotels?
Ein familiengeführtes Hotel ist immer Teil seiner Region. Wir tragen Verantwortung für Arbeitsplätze, für langjährige Partnerschaften mit Lieferanten und Handwerksbetrieben und natürlich auch für unsere Gäste. Viele Mitarbeiter begleiten uns seit vielen Jahren. Viele Lieferanten ebenso. Diese langfristigen Beziehungen sind für mich gelebte Nachhaltigkeit.
Ich glaube, wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung schließen sich nicht aus – sie gehören zusammen.
Wie verändert der Umbau Ihre Anforderungen an Mitarbeiter?
Der Umbau bringt nicht nur neue Räume, sondern auch neue Möglichkeiten. Mit größeren Wellnessbereichen, neuen Angeboten und zusätzlichen Zimmern wachsen natürlich auch die Anforderungen an Organisation und Prozesse.
Deshalb investieren wir heute genauso stark in Menschen wie in Gebäude. Recruiting allein reicht nicht mehr. Wir müssen ein Arbeitgeber sein, bei dem Menschen bleiben möchten. Dazu gehören moderne Arbeitsbedingungen, Entwicklungsmöglichkeiten, Wertschätzung und eine Unternehmenskultur, in der jeder spürt, dass seine Arbeit einen Unterschied macht.
Unser Anspruch ist, dass sich unsere Gäste genauso wohlfühlen wie unsere Mitarbeiter. Denn nur zufriedene Mitarbeiter schaffen begeisterte Gäste.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Michael Teodorescu