Eine neue Ernährungsrichtlinien-Studie der Universität Göttingen, der Hochschule Fulda und der Ernährungsorganisation ProVeg zeigt auf, dass Fachkräfte weltweit bei der Umsetzung nationaler Ernährungsrichtlinien auf ähnliche Hürden stoßen. Die in der Fachzeitschrift „Current Developments in Nutrition“ veröffentlichte Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass viele nationale Ernährungsempfehlungen dem wissenschaftlichen Stand hinterherhinken, Fleisch und Milch überbetonen und pflanzliche Alternativen vernachlässigen.
Kritik an Ausrichtung nationaler Ernährungsrichtlinien
Ernährungsrichtlinien wie die der Deutschen Gesellschaft für Ernährung sprechen der Öffentlichkeit Empfehlungen aus und untermauern die nationale Politik in den Bereichen Ernährung, Gesundheit und Bildung. Laut der Welternährungsorganisation haben mehr als 100 Länder weltweit nationale Leitfäden erlassen, die rund 90 Prozent der Weltbevölkerung abdecken. Gesundheits- und Ernährungsfachkräfte übertragen die Richtlinien in den Alltag der Menschen, indem Diätassistenten, Ernährungswissenschaftler und Ärzte sie für ihre Patienten in konkrete Handlungsempfehlungen übersetzen.
Mehr als jede zweite Gesundheitsfachkraft weltweit (57,6 Prozent) bewertet ihre nationalen Richtlinien als nur mäßig oder wenig hilfreich, um eine gesunde und nachhaltige Lebensmittelauswahl zu fördern. Experten aus Ländern mit hohem Einkommen wie Deutschland äußern sich besonders kritisch. Vor allem Hülsenfrüchte (62,7 Prozent), pflanzliche Milchalternativen (47,5 Prozent) sowie Nüsse und Saaten (42,4 Prozent) kommen den Befragten in den offiziellen Empfehlungen zu kurz. Klassische Milchprodukte (65,3 Prozent) und Fleisch (60,2 Prozent) gelten den meisten Gesundheitsfachkräften als überrepräsentiert. Mehr als vier von fünf Fachkräften befürworten die Aufnahme von pflanzlichen Alternativen zu Fleisch, Milch und Milchprodukten, kombiniert mit Hinweisen für eine gesunde Produktauswahl, etwa Empfehlungen zu geringem Salz- und Zuckergehalt.
Zwischen nationalen Ernährungsrichtlinien und der tatsächlichen Ernährung der Bevölkerung besteht laut Studie in den meisten Ländern weltweit eine deutliche Lücke. Verbreitet sind ein zu hoher Fleisch- und ein zu geringer Gemüseverzehr. In Deutschland liegt der durchschnittliche Fleischkonsum pro Kopf bei 54,9 Kilogramm pro Jahr. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt weniger als ein Drittel dieser Menge.
Defizite in Ausbildung und Beratungspraxis
Im Rahmen der Ernährungsrichtlinien-Studie wurden 20 qualitative Interviews auf sechs Kontinenten sowie eine quantitative Befragung unter 118 Experten durchgeführt. In den Interviews berichteten beteiligte Ärzte durchweg von fehlender Ernährungsbildung während des Studiums. Ein Arzt aus Deutschland erklärte: „Wir haben kein explizites Fach Ernährung im Medizinstudium. Ich kann mich daran erinnern, dass man vielleicht mal das Wort DGE gehört hat, aber ich kann mich nicht erinnern, substanziell Wissen über gesunde Ernährung erlangt zu haben.“ Zugleich sind Ärzte bei Ernährungsfragen für viele Menschen die erste Ansprechperson.
Für die Beratungspraxis wünschen sich die Fachkräfte eine engere Verzahnung von Gesundheits- und Ernährungsinstitutionen. Ein Arzt aus Deutschland merkte an: „Ich sehe die Deutsche Gesellschaft für Ernährung überhaupt nicht als Stakeholder in der Medizin an, und das wäre wichtig.“ Weiter führte er aus: „Wir haben einen Fachverband für gesunde Ernährung, dessen Flyer sollten auf der Krankenhausstation liegen, genauso wie die Flyer von der Bahn. Warum liegen da keine Flyer der DGE? Da kann ich mir ein bisschen mehr proaktive Zusammenarbeit vorstellen.“
Rahmenbedingungen und Gemeinschaftsverpflegung im Fokus
Die befragten Fachkräfte sehen die Verantwortung für das tägliche Essverhalten nicht ausschließlich beim Einzelnen, sondern nehmen Politik und Alltagsbedingungen in die Pflicht. Fast zwei von drei Befragten (65,3 Prozent) fordern Preissenkungen für gesunde und nachhaltige Lebensmittel, etwa durch Steuererleichterungen oder Subventionen. 47,5 Prozent sprechen sich dafür aus, dass Ernährungsrichtlinien Angaben zu gesunder und nachhaltiger Ernährung für den schmalen Geldbeutel enthalten.
Ein deutscher Mediziner betonte im Interview: „Es gibt sehr viele Maßnahmen, die sich Menschen in Umfragen wünschen: gesunde Gemeinschaftsverpflegung, Regulierungen oder Veränderungen von Steuern und insgesamt gesündere Ernährungsumgebungen.“ Zugleich stellte er fest: „Politik hört immer auf Umfragen außer im Ernährungsbereich.“ Dennoch sieht er Bewegung: „Ich habe das Gefühl, dass da gerade sehr viel Momentum drin ist.“
Ein gesundes Schulessen nach Richtlinien-Standards gilt in Fachkreisen als ein Schlüsselhebel. In fünf deutschen Bundesländern – Berlin, Bremen, Hamburg, Saarland und Thüringen – ist die Einhaltung der DGE-Richtlinien für die Schulverpflegung verbindlich geregelt. Gut zwei Fünftel der befragten Fachkräfte (42,4 Prozent) sprechen sich für verpflichtende nationale Ernährungsstandards in öffentlichen Kantinen aus, etwa in Schulen, Kitas und Krankenhäusern.
Einfluss der Industrie und Forderung nach Transparenz
Eine Vorgängerstudie unter der Leitung von Anna-Lena Klapp hatte 2022 festgestellt, dass nationale Richtlinien in Ländern, in denen Fleischproduktion einen großen Teil des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, seltener pflanzliche Optionen enthalten. Auch in der aktuellen Untersuchung sehen 83 Prozent der befragten Fachkräfte den Einfluss der Industrie als Barriere für die Umsetzung gesunder Richtlinien. 99,1 Prozent fordern eine absolut transparente Entwicklung der Ernährungsrichtlinien.
Dass die Deutsche Gesellschaft für Ernährung Experten an der jüngsten Überarbeitung ihrer Empfehlungen im Rahmen eines offenen Konsultationsprozesses beteiligt hat, wurde von einem deutschen Mediziner positiv bewertet. Zugleich betonte er, dass ein transparenter Prozess „frei von ökonomischen und politischen Interessen“ sein müsse.
Quelle: ProVeg
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