Mehr als jede vierte Lebensmittelkontrolle in Deutschland findet nicht statt. Das geht aus einer Datenrecherche von Foodwatch hervor, für die rund 400 kommunale Lebensmittelbehörden abgefragt wurden. Die Verbraucherorganisation fordert, die Ämter durch ein umfassendes Transparenzsystem nach dänischem Vorbild zu entlasten und kritisiert zugleich eine Reform der Lebensmittelüberwachung aus dem Jahr 2020.
Ergebnisse der Foodwatch-Recherche
Für den Report „Planmäßig ausgefallen – Deutschlands Lebensmittelüberwachung am Limit“ hat Foodwatch Anfragen an 398 kommunale Ämter gestellt. Rechtsgrundlage sind das bundesweite Verbraucherinformationsgesetz (VIG) und die Informationsfreiheitsgesetze (IFG) der Bundesländer. Die Organisation wollte wissen, wie viele Routinekontrollen vorgeschrieben sind und wie viele Kontrollen die Behörden tatsächlich durchgeführt haben. Etwas mehr als die Hälfte der angefragten Behörden lieferte entsprechende Daten.
Bundesweit schafften die Lebensmittelbehörden im Schnitt nur rund 71 Prozent der vorgeschriebenen Routinekontrollen. Damit fand mehr als jede vierte vorgeschriebene Plankontrolle nicht statt. Nur 15 Prozent der Behörden führten alle Kontrollen durch, 85 Prozent der Ämter erfüllten ihr vorgeschriebenes Soll nicht.
Forderungen nach einer grundlegenden Reform
Foodwatch fordert, die Behörden durch eine grundlegende Reform zu entlasten und alle Kontrollergebnisse zu veröffentlichen. Nach Auffassung der Organisation würde dies einen Anreiz schaffen für Lebensmittelbetriebe, sich an die Vorgaben zu halten, und zugleich die Lebensmittelüberwachung entlasten, da bei weniger Beanstandungen insgesamt weniger Kontrollen notwendig wären. Als Vorbild nennt Foodwatch das „Smiley“-Transparenzsystem aus Dänemark.
„Das System der Lebensmittelüberwachung in Deutschland ist am Limit. Wir brauchen eine grundlege Reform“, sagte Foodwatch-Geschäftsführer Dr. Chris Methmann. „Der entscheidende Punkt ist: Behörden müssen gesetzlich verpflichtet werden, zu veröffentlichen, welche Kontrollen sie durchgeführt haben und welche Ergebnisse es gab. Dänemark macht es mit dem „Smiley-System“ vor: Seit in unserem Nachbarland alle Kontrollergebnisse an der Ladentür aushängen, ist die Beanstandungsquote deutlich zurückgegangen – das hilft nicht nur den Verbraucher:innen, sondern entlastet auch die Behörden.“
Rückgang der Kontrollen seit der Reform von 2020
Die Foodwatch-Recherche zeigt zudem, dass die Ämter heute weniger kontrollieren als früher. Im Vergleich zu einer Datenabfrage aus dem Jahr 2018 sank die Zahl der durchgeführten Plankontrollen deutlich: 2024 um 14 Prozent und 2025 sogar um 22 Prozent. Hintergrund ist, dass die damalige Bundesernährungsministerin Julia Klöckner im Jahr 2020 eine Reform der Lebensmittelüberwachung angestoßen und die Verwaltungsvorschrift für Kontrollbehörden geändert hatte. Seitdem müssen die Behörden weniger Plankontrollen durchführen als zuvor, zudem müssen Betriebe aus den höchsten Risikoklassen heute seltener kontrolliert werden.
Foodwatch und Organisationen wie der Bundesverband der Lebensmittelkontrolleure hatten dieses Vorhaben bereits damals deutlich kritisiert. „Anstatt die Missstände in der Lebensmittelüberwachung zu beheben, hat die Politik die Vorgaben für die Kontrollbehörden sogar gelockert, mit dem Ergebnis: Lebensmittelbehörden müssen heute weniger Plankontrollen durchführen als früher – völlig absurd“, so Chris Methmann.
Position des Bundesverbandes der Lebensmittelkontrolleure
Auch der Bundesverband der Lebensmittelkontrolleure fordert Reformen. Der Vorsitzende Maik Maschke erklärt: „Es kann und soll nie hinter jedem Koch ein Lebensmittelkontrolleur stehen. Aber leider haben sich unsere Befürchtungen aus dem Jahr 2020 bewahrheitet: Mit der Änderung der Kontrollfristen auf dem Papier wurden zwar die Sollvorgaben bundesweit harmonisiert, jedoch nicht eine Lebensmittelkontrolleurin oder Lebensmittelkontrolleur mehr eingestellt – und es wird heute weniger kontrolliert. Eine Verringerung der Kontrollhäufigkeit sollte jedoch immer das Ergebnis einer guten Unternehmerleistung und nicht der Kassenlage der öffentlichen Hand geschuldet sein.“
„Es muss endlich gehandelt werden“, fordert Machke. „Wir brauchen: erstens, eine passende Honorierung und Wertschätzung der Tätigkeit der Lebensmittelkontrolleure. Zweitens, eine Erhöhung der Kontrolldichte – ohne, dass die Qualität der Kontrollen leidet. Drittens, eine gesetzliche Grundlage zur Veröffentlichung der Kontrollergebnisse, wobei wichtig ist: Ein Transparenzsystem sollte bundesweit einheitlich sein und kein Flickenteppich von 16 verschiedenen Modellen.“
Dänisches „Smiley-System“
Um die Lebensmittelüberwachung zu verbessern, fordert Foodwatch eine Transparenzpflicht wie in Dänemark. Dort hängen in jedem Lebensmittelbetrieb – egal, ob Eisdiele, Bäckerei, Imbissbude oder Sternerestaurant – gut sichtbar die Ergebnisse der letzten Kontrollen aus. Ein Smiley-Symbol informiert auf einen Blick über die Bewertung, zusätzlich sind die Kontrollergebnisse im Internet abrufbar. Nach Angaben von Foodwatch ist die Quote der beanstandeten Betriebe deutlich gesunken.
Lesen Sie hier den gesamten Report.
Quelle: Foodwatch
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