Sarah Schocke ist Mutter zweier Schulkinder sowie Ökotrophologin, Expertin für klimagesunde Kinder-Ernährung, Bestseller-Autorin und Ernährungs-Expertin in Hörfunk und TV. In rund 50 Büchern zeigt Sarah Schocke, wie gesunde Ernährung alltagstauglich gelingt – ohne Vollkorn-Zwang und Perfektionsstress.
Frau Schocke, wie kritisch schauen Sie auf die Schulverpflegung Ihrer Kinder?
Ich biete Vorschläge und Ideen an, weiß aber auch welche Personen Gatekeeper sind. Schulverpflegung ist Teamwork. Wenn nur einer/eine aus allen betroffenen Personengruppen eine Veränderung möchte, aber sonst keiner mitzieht, dann klappt es (zu diesem Zeitpunkt) nicht.
Schule ist Schule und dann ist das so – zu Hause aber sorge ich für eine ausgewogene Ernährung. Dennoch frustriert mich das, weil ich weiß, dass manche Dinge leicht zu lösen wären und alle Kinder davon am Ende profitieren. Nicht jedes Kind hat zu Hause Chancen auf eine vollwertige, ausgewogene Ernährung – aus unterschiedlichsten Gründen.
“In Deutschland hängt nicht nur Bildung enorm vom sozio-ökonomischen Status ab, sondern auch Ernährung und Ernährungsbildung. Beides ist eng an Gesundheit gekoppelt, daher sehe ich hier besonders die Institutionen in der Mit-Verantwortung.”
Sarah Schocke, Ernährungs-Expertin
Wenn wir als Gesellschaft wollen, dass jedes Kind eine Chance hat, gesund groß zu werden, müssen wir dafür notwendige Rahmenbedingungen schaffen und Lösungen finden. Schulverpflegung nimmt hier eine Schlüsselrolle ein. Damit gehen große Chancen einher. Mein Ziel ist es, dass wir die für alle Kinder nutzen
Welche persönlichen Erinnerungen haben Sie an Ihre eigene Schulverpflegung?
Das Essen gab es in zwei dunklen Räumen, aufgewärmt in Plastikschalen. Man musste die heiße Plastikfolie noch vom Gericht abziehen, die Hälfte blieb an der Folie kleben. Nie sah das Essen so aus wie auf dem Speiseplan und Konsens unter uns Kindern war, dass man nur Pizza essen könne. Das war dennoch nie lecker, man hatte halt was im Bauch. Traurig: Die Räume sehen heute immer noch so aus wie vor 30 Jahren
Welche drei Zutaten packen Sie oft in die Brotbox?
Zutaten sind bei mir Nährstoffe: Kohlenhydrate, Eiweiß und Ballaststoffe. Das kann unterschiedlich aussehen. Immer dabei sind Gemüse und/oder Obst. Nüsse schaffen es oft in die Box, Brot, Wraps oder mal eine Portion Nudelsalat. Meine Kids dürfen selbst aussuchen, was und wieviel sie mitnehmen von dem, was wir als Eltern anbieten.
Wir machen eine Art Mini-Buffet mit geschnippeltem Obst und Gemüse, Brotbelag und Aufstriche zur Wahl. Aber sie wissen: Immer Gemüse/Obst. No-Go sind Süßes und Süßspeisen, auch wegen des Kariesschutzes.
Was bringt Sie in puncto Schulessen auf die Palme?
Da wird zu sehr aufs „Sattwerden“ reduziert. Damit geht enormes Potenzial verloren. Schulverpflegung müsste als Ess- und Ernährungskultur Teil der Schulkultur werden und als Ernährungskonzept im Schulkonzept verankert sein. Weist man dem gemeinsamen Essen diesen Stellenwert zu, geht es nicht mehr nur um den Preis, den eine warme Mahlzeit kostet.
Dann spielt es eine Rolle, wieviel Zeit die Kinder zum Essen haben, wie die Räume gestaltet sind, wer mit isst. Essen verbindet, stiftet Gemeinschaft und kann einen ganzen Schulspirit prägen.
Die Menschen, die mit den Kids zusammen essen, Essen ausgeben oder begleiten, sollten unbedingt geschult sein. Oft erlebe ich, dass Kinder beschämt werden, wenn sie etwas nicht möchten, gezwungen werden zu probieren, Portionsgrößen nicht individuell auswählen dürfen.
Ihr Trick, um Ihren Kindern Ernährungsbildung unterzujubeln?
Mitmachen. Mitaussuchen. Vorleben. Wir sind eine Familie, die kochen und essen liebt. Das hilft. In schlechten Phasen müssen die Kids mit zum Einkaufen, um sich Gemüse und Obst auszusuchen, vor allem für die Brotboxen. Rezepte müssen sie sich auch aussuchen. Mittlerweile klappt das alles gut.
Ich habe mich daran gewöhnt, dass ihre Vorlieben ständig wechseln. Mal ist Mais heißgeliebt, mal verschmäht. Hier muss ich als Mama aufpassen nicht in die Falle „Das mag er/sie eh nicht“ zu tappen.
Es gibt unfassbar viele Möglichkeiten der Zubereitung, die sich auf den Geschmack auswirken. Mein Sohn hat einmal schlechte Erfahrungen mit Rahmspinat im Schulessen gemacht. Seitdem trägt er vor sich her „Spinat schmeckt mir nicht“. Babyspinat als Salat, im Wrap, auf dem Burger mag er aber. Das ist ein Anker, um das „Spinattrauma“ aufzulösen und sich an andere Spinat-Varianten heranzutrauen.
Sind Sie auch mal im Fastfood-Restaurant anzutreffen?
Na klar. Nicht gerne, aber manchmal komme ich nicht drum herum. Der Reiz ist für meine Kinder einfach zu groß. Das Marketing mancher Konzerne hat ganze Arbeit geleistet.Von strikten Verboten halte ich nichts, das geht oft nach hinten los. Dann lieber wohldosiert und begleitet. Im Übrigen ist es Auslegungssache, was mit Fastfood gemeint ist, da gibt es gute Alternativen. In gute Burgerläden gehe ich sogar gerne.
Ist das noch Fastfood oder schon Restaurant?
Mir ist wichtig, dass meine Kinder den Unterschied bemerken, sensorisch, gustatorisch, atmosphärisch und selbst entscheiden, welche Art Burger sie lieber mögen.
Convenience ist in Großküchen oft kaum vermeidbar. Wie gehen Sie privat damit um?
Es gibt gute und schlechte Convenience. Momentan habe ich das Gefühl, dass da viel durcheinandergeschmissen wird. TK-Erbsen und Tomatenmark sind auch Convenience-Produkte, ebenso Kichererbsen aus dem Glas, alles Produkte die ich häufig benutze. Wenn schnell das Essen auf dem Tisch stehen muss, bin ich dankbar um Nudeln aus der Kühltheke, ungewürzte TK-Gemüsemischungen und mal einen fertigen Pizzateig. Der ist nie so lecker wie der selbstgemachte, der viele Stunden Zeit hatte zum Gehen, aber die lange Variante ist nichts für stressige Wochentage.
Wenn es Familien hilft selbst öfter zu kochen, bin ich die letzte, die Convenience-Produkte verteufelt.
Was ich vermeide sind Fertiggerichte, obwohl es auch hier mittlerweile gute Lösungen gibt. Ob ich etwas empfehle oder nicht, hängt von Zutatenliste und Nährwerttabelle ab. Es gibt hochwertige Produkte, gute Saucen, aber auch ganz viel Mist. Wenn das Produkt viele Zusatzstoffe hat, Worte, die ich nicht (er-)kenne, einen hohen Salz-, Zucker- oder Fettgehalt oder Zuckeraustauschstoffe, ist das keine gesunde Alltagsküche, ob in Familie oder Schule. Hin und wieder kommen Pommes und Co. natürlich auch bei uns mal auf den Tisch. Das ist aber was für den privaten Rahmen.
Wo liegen in der Schulverpflegung die größten Defizite?
Wichtig ist, dass die Kids mit einbezogen werden – nicht nur in Form von Abfragen, ob das Essen lecker war.
Free Flow Systeme zeigen, dass diese bei Kids gut ankommen. Ich empfehle so oft und so viel man das umsetzen kann, Essen in Komponenten anzubieten, also z.B. die Erbsen von der Sauce zu trennen, so dass die Kids selbst entscheiden können ob und wieviel sie davon auf dem Teller haben möchten. Und wenn irgend möglich ein Salatbuffet installieren, aus dem die Kinder sich selbst einen Salat zusammenstellen können.
Ernährungsbildung macht Lust auf Gemüse, stärkt die Selbstwirksamkeit und öffnet Möglichkeiten zum Ausprobieren.
Die Menschen, die mit den Kids zusammen essen, Essen ausgeben oder das Essen begleiten, sollten unbedingt geschult sein. Oft erlebe ich, dass Kinder beschämt werden, wenn sie etwas nicht möchten, gezwungen werden zu probieren oder alles auf den Teller zu nehmen. Portionsgrößen nicht individuell auswählen dürfen, dass Salate zum Nachtisch ausgegeben werden, weil das so auf dem Speiseplan steht, und nicht zum Essen, oder besser noch, davor, gereicht werden.
Ich könnte noch viele weitere Punkte auflisten. Es ist ein großes, aber wichtiges Feld, an dem wir die Weichen für die Zukunft stellen. Das darf nicht nebenbei abgefrühstückt werden. Frühstück ist übrigens ein extra Punkt – auch sehr wichtig und übersehen.
Haben Sie ein bestimmtes Essensritual mit Ihren Kindern?
Wir frühstücken jeden Morgen gemeinsam und essen zusammen zu Abend. Und dabei erzählen wir von unserem Tag.
Was ist für Sie die größte Herausforderung in der Kinder-Ernährung?
In meiner Familie ist die größte Herausforderung eine gute Balance zwischen gesund und ausgewogen und Spaß mit Süßem und Snacks zu finden. Ich versuche meinen Kindern beizubringen, was gute Mengen an Süßigkeiten sind. Ich möchte keine Spielverderberin sein, lege aber großen Wert darauf das Zuckerkonto nicht jeden Tag zu überziehen. In der Schule gibt es leider viel Süßes, hier ein Geburtstag, da ein Abschied, und dann zum Nachtisch süße Riegel, Pudding oder Donuts, nicht nur einmal die Woche. Da bleibt zu Hause kaum noch Luft. Das finde ich schade.
Gesellschaftlich sehe ich, dass für Kinderschutz im Bereich Ernährungsbildung/Gesundheit nicht viel getan wird.
Das macht mich wütend. Die Ernährungsumgebungen sind absolut ungünstig. Überall lauern Snacks, Fastfood und Süßes – auf dem Schulweg, im Internet, den Sozialen Medien, an der Litfaßsäule und der U-Bahnhaltestelle, im Supermarkt sowieso. Diesem Feuerwerk der Verführungskunst wollen wir seit Jahren mit Ernährungsbildung entgegentreten – und scheitern daran seit Jahren.
Wir brauchen wertebasierte Leitlinien, eingebunden in politische Vorgaben und Umgebungen, die gesunde Entscheidungen leicht machen.
Sarah Schocke, Ernährungs-Expertin
In anderen Ländern gibt es Werbung für gesunde Snacks, etwa für Bananen und Nüsse. So etwas wünsche ich mir hier auch. Wir brauchen Vorbilder in Sportvereinen, in TV-Serien. Was wir sehen, prägt unsere Realität. Ich möchte mehr gesundes Essverhalten sehen. Warum wird auf Konzerten von Kinderbands Alkohol ausgeschenkt? Warum gibt es im Kino im Kinderpaket mit Popcorn kein Wasser sondern nur Softdrinks?
Ich setze mich für Kindergesundheit ein. Das tue ich, damit Kinder-Ernährung, Ernährungsbildung und Kindergesundheit eine höhere Priorität bekommen als Konzerninteressen.
Gibt es eine Speise, die Ihr Kind gar nicht mag?
Eines? Zahlreiche! Und das ist auch ok. Ich mag auch nicht alles. Ausgewogenheit kann auch mit beschränktem Angebot klappen. Dann kommen Lieblingszutaten eben öfter, aber in unterschiedlichen Kombinationen auf den Tisch.
Mir ist es dennoch wichtig eine Vielfalt anzubieten, damit meine Kinder die Chance bekommen viel kennenzulernen.
Wie schätzen Sie das aktuelle Image von Schulessen ein?
Ich glaube die Komplexität und die Rolle von Schulessen wird jeweils unterschätzt. Wenn man bedenkt, dass viele Kinder einen Großteil ihrer Kindheit in Institutionen verbringen. Mit dem neuen Ganztagsgesetz ab 2026 wird das noch relevanter, und klar, dass auch ein Großteil des Essens und der Esssozialisation in Institutionen stattfindet.
Das gemeinsame Klassenfrühstück, Mittagessen, Nachmittags-Snack… Ob Institutionen wollen oder nicht, sie übernehmen hier teilweise Funktionen, die früher in Familien stattgefunden haben. Geschmack und Ernährungskompetenz müssen genauso gelernt werden wie Lesen, Schreiben, Rechnen. Nur weil man Sprechen kann, kann man nicht Lesen.
Nur weil man essen kann, hat man keine Ernährungskompetenz.
Das ist aber eine Voraussetzung um sicher eigene Entscheidungen, z.B. im Supermarkt oder an der Speisen-Ausgabe, treffen zu können. Die Rolle von Schule und Schulessen geht also über die reine Versorgung der Kinder hinaus.
Gleichzeitig wird die Komplexität unterschätzt und es fehlt das Verständnis füreinander. Es wird viel übereinander gemeckert und wenig miteinander gesprochen – Caterer beschweren sich über die Pädagogen, diese über die Eltern, die Eltern über den Caterer und die Kinder werden vergessen. Caterer fühlen sich oft nicht gesehen in ihrem Bemühen, obwohl sie oft unter harten Rahmenbedingungen versuchen das Beste für die Kinder rauszuholen.
Eltern wiederum sehen, dass sie es nicht schaffen für die Kinder mittags zu kochen, weil sie selbst arbeiten müssen, und haben nicht selten höchste Ansprüche an eine Verpflegung, aber auch an niedrige Preise.
Am besten funktioniert es, wenn alle im Dialog sind, den anderen verstehen, neue Blickwinkel einnehmen und gemeinsam Lösungen suchen und finden. Das ist aufwendig und in Zeiten von Personalmangel, finanziellem Druck und weiteren Hürden und Herausforderungen oft „nicht drin“. Aber es ist der Schlüssel.
Wie tanken Sie Kraft für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?
Ich bin gerne auf meinem Gravel-Bike unterwegs, am liebsten draußen. Da kann ich gut abschalten und auftanken.
Worüber können Sie herzhaft lachen?
Über Flachwitze. Leider. Kennen Sie den schon:
Welches Werkzeug hat die meisten Ideen? Der Vorschlaghammer….
Genuss bedeutet für mich…
mit allen Sinnen in Ruhe im Moment sein und etwas Leckeres schmecken, etwas Schönes sehen, etwas Ansprechendes hören…
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Quelle: Verena Wagner für B&L MedienGesellschaft