Was tun mit kahlen Brandschutzwänden, fensterlosen Rückseiten oder monotonen Fassaden? Für den Künstler Jackules sind genau diese Orte die spannendsten Leinwände. Im Interview erklärt er, warum gerade vermeintliche Problemflächen großes gestalterisches Potenzial haben, wie Fassadenkunst Hotels ein unverwechselbares Profil geben kann – und weshalb Murals nicht nur ästhetisch wirken, sondern auch strategisch zur Positionierung, zur Aufwertung von Quartieren und sogar zur Prävention von Vandalismus beitragen.
Jackules, Sie haben sich auf Flächen spezialisiert, die viele als „Problemzonen“ bezeichnen: Brandschutzwände, fensterlose Hotelwände, monotone Fassaden. Was reizt Sie genau an diesen Orten?
Ja, mich reizen tatsächlich genau diese kahlen grauen Flächen. Eine Lobby ist gestaltet, eine Fassade zur Hauptstraße meist inszeniert, aber eine Brandschutzwand ist rein funktional gedacht. Diese Wand ist roh. Wenn ich dort ein Kunstwerk anbringe, verändere ich nicht nur die Wand, sondern ich verändere, wie das Hotel wahrgenommen wird. Der Vorher-Nachher-Effekt ist mein Schlüsselmoment.
Wann wird eine Wand für Sie zur Leinwand – und wann raten Sie bewusst von Kunst ab?
Wenn ein Gebäude selbst als besondere künstlerische Leistung einzustufen ist und sich die Architektur nicht mit einer künstlerischen Gestaltung vereinbaren lässt, wäre das für mich ein Grund zu sagen, sorry, hierfür bin ich nicht der Richtige. In einigen Fällen ist es auch notwendig in die Abstimmung mit Bauämtern oder Architekten zu gehen, gerade wenn es um Denkmalschutz geht. Sind diese Spezialfälle nicht gegeben, kann für mich jede Wand zur Leinwand werden. Ich habe beispielsweise auch schon fensterreiche Fassaden über Eck bemalt, was keine klassische Muralart-Wand ist.
Sie sagen, Fassadenkunst verleiht Orten Identität. Wie übersetzen Sie die Identität eines Hotels in ein visuelles Kunstwerk?
Bevor ich beginne, schaue ich mir an, wofür das Hotel steht. Ist es ein Rückzugsort oder ein urbaner Ort mit viel Bewegung? Ist es ein Haus mit Geschichte oder ein Neubau ohne narrative Tiefe, der erst noch Charakter entwickeln muss? Die Architektur ist dabei meine Ausgangsbasis.
Linienführung, Materialität, Proportionen, all das lese ich in Ergänzung zu den individuellen Ansprüchen des Auftraggebers. Ein Hotel in einer lebendigen Innenstadt braucht eine andere visuelle Energie als ein Spa-Hotel in der Natur.
Gleichzeitig ist es mir wichtig, eigenständige Kunstwerke zu schaffen, die für sich stehen. Der Spagat besteht darin, meine künstlerische Handschrift mit der Identität des Hauses zu verschmelzen. So entsteht kein beliebiges Wandbild, sondern ein visuelles Statement, das das Hotel unverwechselbar macht. Seit vielen Jahren arbeite ich genauso und daraus hat sich ein ganz eigener Stil entwickelt, der für mich als auch für die Auftraggeber Mehrwert-bringend ist.
Viele Hoteliers sehen Kunst zunächst als ästhetische Maßnahme. Wo liegt aus Ihrer Sicht der strategische Mehrwert von Fassadenkunst für ein Hotel?
Oft werden meine Kunstwerke natürlich als Problemlösung genutzt, wobei ich schon merke, dass Auftraggeber besondere Freude an Mural Art haben. Aber oft sind Orte wirklich problematisch unschön, andere haben ein dauerhaftes Vandalismus-Problem, wieder andere sollen aufgewertet werden, um zur Gentrifizierung von Quartieren beizutragen. Oft ist es eine Mischung aus solchen Gründen.
Fassadenkunst in der Hotellerie sorgt vor allem für einen unverwechselbaren künstlerischen Charakter, der jedes Gebäude individuell prägt, auch ohne die Uniformität einer Hotelkette zu brechen. Mural Art wird zu einem Blickfang für Gäste und spricht auch Passanten sofort an, ästhetisch aber auch als emotionalen Anker. So kann eine Kunstfassade zum Fotomotiv oder zum Social-Media-Magnet werden, was die Reichweite des Hotels organisch steigert. Das Mural wird Teil des Gästeerlebnisses und setzt ein innovatives Statement.
Die Realität vieler Hotels zeigt auch, dass an Wänden, an denen Gestaltung fehlt, eine Angriffsfläche für Vandalismus entsteht. So werden leere Wände zur Bühne für Tags und Graffiti und beim Gast entsteht das Gefühl von „Hier kümmert sich niemand“. Fassadenkunst erspart den Betreibern hohe Umbaukosten und erzeugt gleichzeitig eine große Außenwirkung bei vergleichsweise geringem finanziellen Aufwand.


Welche Rolle spielt Fassadenkunst bei der Positionierung eines Hotels im urbanen Raum? Kann sie beispielsweise dabei helfen, sich klarer von Mitbewerbern abzugrenzen?
Ja, absolut! Sie stärkt die Verbindung zum Ort, z. B. durch lokale Bezüge, die visuell thematisiert werden oder einfach dadurch, dass die Hotelwand durch Kunst zu einem kulturellen Gut wird und damit Teil der Stadtkultur. Kunst kann urbanen Raum neu definieren, etwa durch beleuchtete Installationen, die abends eine „künstlerische Lichtinsel“ schaffen oder durch Motive, die Dialoge mit Umgebung oder Architektur eingehen.
Muralismus ist sehr beliebt und erlebt weltweit einen ungebremsten Boom. Hotelfassaden sind ideale Leinwände dafür. Die oft riesigen, ungenutzten Flächen bieten perfekte Bedingungen, denn bei Murals gilt: Je größer, desto eindrucksvoller. Vermutlich ist die größte Herausforderung für den Hotelier das Matchen mit dem Künstler. Der muss die Vision des Hotels teilen und das Kunstwerk künstlerisch sowie technisch umsetzen können. Wer den Mut hat und diese Hürde meistert, kann sich definitiv von seinem Mitbewerbern abgrenzen.
Kunst unterliegt nicht der Werbemittelverordnung. Welche neuen gestalterischen Möglichkeiten ergeben sich dadurch konkret für Hotels?
Werbung ist eine alltägliche Belastung, vor der wir uns schützen müssen, darum ist es gut, dass sie reguliert wird. Ein reines Kunstwerk funktioniert genau andersrum, es ist Kulturgut und ein Geschenk an jeden. Viele Hotels empfangen ihre Gäste mit einem Willkommensgeschenk, warum nicht schon direkt an der Außenfassade?
Wie reagieren Städte, Behörden oder Nachbarschaften auf künstlerische Fassadenlösungen im Hotelkontext?
Ich habe schon einige denkmalgeschützte Gebäude gestalten dürfen, dabei kommt es darauf an, wie man auf das geschützte Gebäude und das Stadtbild eingeht. Vor 20 Jahren waren die Bauämter noch sehr zurückhaltend, wenn doch mal eine Genehmigung nötig war. Heute hingegen sind die sogenannten „Murals“ sehr etabliert, bei Bewohnern wie auch bei Städten. Gerade Hotels haben die Möglichkeit ihre eigenen Außenfassaden zu nutzen. Im Innenbereich wird sehr viel mit Kunst gearbeitet, um den Gästen ein Ambiente zu bieten. Wenn Hotels auch ihre eigenen Außenflächen nutzen, die wie leere Leinwände auf Parkplätze, Terrassen oder Straßen zeigen, wird die Kunst hier natürlich ebenfalls dankend angenommen.
Wie gehen Sie mit baulichen Einschränkungen um (z. B. Brandschutzauflagen, Statik, Genehmigungen)?
Ich verwende unterschiedliche Materialien für meine Kunstwerke. Ich kann eine Arbeit mit Sprühfarben oder mit Brandschutz-zertifizierten Fassadenfarben anbringen und mich so an die Anforderungen halten. Doch was Genehmigungen angeht, sind Wandmalereien technisch eher unproblematisch. Und das Wort „Brandschutzfassade” wird gerne verwendet, auch für Fassaden ohne entsprechenden Brandschutz.
Große, leere Wände sind oft Magnete für illegales Spraying. Sie sprechen von einem unausgesprochenen Codex in der Szene. Wie verlässlich ist dieser Schutz in der Praxis? Lassen sich Murals tatsächlich als präventive Maßnahme gegen Vandalismus betrachten?
Es gibt keinen allgemein definierten Codex, den hat man sich wohl außerhalb der Szene ausgedacht. Passanten sprechen mich bei der Arbeit auch regelmäßig darauf an. Aber: Fassadenkunst geht zum größten Teil aus der Graffitis-Szene hervor und unterliegt einer großen Akzeptanz und schafft Respekt innerhalb der Sprayer-Community, so dass das Kunstwerk dadurch meist unangetastet bleibt. Ich bin einfach dankbar, dass meine Arbeiten so sehr respektiert werden, dass ich und meine Kunden bisher keine gegenteiligen Erfahrungen machen mussten.
Wie läuft ein typisches Fassadenkunst-Projekt mit einem Hotel ab – von der ersten Idee bis zur fertigen Wand?
Die Interessenten melden sich meistens ohne konkrete Gestaltungsidee und senden im nächsten Schritt Bilder oder Bauzeichnungen vom Objekt. Der weitere Verlauf ist individuell, je nach Vorhaben, aber an klare Abläufe gebunden, um den Konzeptprozess möglichst einfach zu halten.
Mir ist es wichtig, den Klienten persönlich in seiner Vision abzuholen und ich muss verstehen, wofür das Hotel steht und welche Rolle die Fassade im Stadtraum spielt. Meine Entwürfe entstehen im Dialog mit dem, was schon da ist. Ein Kunstwerk ist wie eine Maßanfertigung, individuell und passend. Dass Auftraggeber gezielt meine künstlerische Handschrift suchen, schafft mir den gestalterischen Freiraum und einen großen Vertrauensvorsprung, den ein starkes Werk braucht.
Welche Rolle spielen Materialien, Witterungsbeständigkeit und Pflege bei Ihren Arbeiten?
Um das Kunstwerk langlebig zu gestalten, gibt es ein paar Dinge zu beachten: Die geographische Ausrichtung einer Wand, Fassadenbeschaffenheit & -aufbau, organischer Bewuchs etc. Außerdem tausche ich mich regelmäßig mit Farbherstellern aus und bin gut informiert über Neuentwicklungen in dem Bereich. Erfahrungswerte sind am Ende aber meine beste Quelle.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Michael Teodorescu
Grenzen der Kunstfreiheit
Dass es mit der Fassadenkunst nicht immer klappt, zeigte das Berliner Happy Go Lucky Hotel & Hostel. Mehr dazu in unserem Beitrag Grenzen der Kunstfreiheit.