Was die Kantine mit einem Zoo und einer Feuerstelle gemein haben sollte? Warum Unternehmen zukünftig weniger in Quadratmeter, sondern in Begegnung investieren sollen und wie das gelingt? Der Designstratege und Hospitality-Visionär Philipp Kirnbauer, Director Project & Design bei Eurest Österreich/Compass Group, hat der Redaktion GVMANAGER verraten, warum die Kantine künftig als strategischer Raum gilt und was das für die Architektur bedeutet.
„Architektur beeinflusst Verhalten. Das wurde lange unterschätzt. Seit Jahrzehnten wissen wir: Nähe erzeugt Austausch. Die Allen Curve zeigt das sehr klar – ein paar Meter entscheiden darüber, ob Menschen miteinander sprechen oder nicht.
Raum ist damit kein ästhetisches Thema mehr. Es ist ein wirtschaftliches.“Philipp Kirnbauer, Director Project & Design, Eurest/Compass Group
Herr Kirnbauer, warum beginnt die Zukunft Ihrer Meinung nach nicht im Meetingraum, sondern in der Kantine?
Weil Innovation selten dort entsteht, wo sie geplant wird. Innovation passiert nicht in geplanten Meetings. Sie passiert im Dazwischen. Zwischen Disziplinen und Perspektiven. Zwischen Menschen, die sich sonst nie begegnet wären. Und dieses Dazwischen und der Zufall braucht einen Ort.
Wir fragen uns deshalb was wäre, wenn nicht der Quadratmeterpreis den Wert einer Immobilie bestimmt – sondern ihr sozialer Wirkungsgrad?
Die transformativsten Ideen entstehen in bewusst gestalteten Umgebungen, in denen Kreativität, Gemeinschaft und Serendipität aufeinandertreffen. Deshalb werden physische Räume umso mehr zu strategischen Orten. Unternehmen, die zukunftsfähig sein wollen und das verstehen, investieren nicht in Quadratmeter – sondern In Innovationsfähigkeit
Also raus aus dem Homeoffice, zurück ins Büro?
Ja, auch um der zunehmenden sozialen Fragmentierung entgegenzuwirken. Wenn Mitarbeitende heute ins Büro kommen, dann nicht, um E-Mails zu schreiben. Das können sie zu Hause. Sie kommen, wenn es einen sozialen Mehrwert gibt.
Derek Thompson hat im Februar im Atlantic den Artikel „The Antisocial Century” veröffentlicht. Er zeigt: Viele Menschen gehen weniger aus als je zuvor. Noch nie war der Mensch so einsam wie heute. Wir sind heute permanent verbunden – und dennoch gleichzeitig zunehmend isoliert. Technologie verstärkt Nähe zu Gleichgesinnten. Was verloren geht, ist die zufällige Begegnung. Die Reibungsfläche. Der Zufall. Und genau dort entsteht Innovation.
Menschen nutzen Räume nicht mehr nur. Sie erwarten, dass Räume ihnen etwas zurückgeben. Dass sie sie empfangen. Aktivieren. Verbinden. Wir nennen das die Resonanz von Räumen.
„Die beste Art, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie selbst zu gestalten. Und vielleicht beginnt die nächste große Idee nicht im Konferenzraum, sondern dort, wo es nach Kaffee riecht. Dann werden Unternehmen bzw. ‘Companys’ auch wieder zum Ort, wo ‘com panis’ — also wo man zusammenkommt und das Brot teilt.“
Philipp Kirnbauer
Welche Rolle spielt dabei die Architektur?
Architektur beeinflusst Verhalten. Das wurde lange unterschätzt. Seit Jahrzehnten wissen wir: Nähe erzeugt Austausch. Die Allen Curve zeigt das sehr klar – ein paar Meter entscheiden darüber, ob Menschen miteinander sprechen oder nicht.
Raum ist damit kein ästhetisches Thema mehr. Es ist ein wirtschaftliches.
Und hier kommt Granovetter ins Spiel: Seine Theorie der „Strength of Weak Ties” zeigt, dass die wichtigsten Informationen oft nicht von engen Vertrauten kommen – sondern von Bekannten, mit denen man lose verbunden ist. Von Menschen, die in anderen Netzwerken unterwegs sind.
Die Kantine ist genau der Ort, an dem solche schwachen Bindungen entstehen. Nicht geplant oder erzwungen, sondern möglich. Die eigentliche Frage ist längst nicht mehr, wie ein Raum aussieht. Sondern: Was er mit uns macht.
Raum ist längst ein strategisches und wirtschaftlich relevantes Thema. Nicht umsonst haben Konzerne in das Forschungszentrum UCL Pearl Lab in London 50 Millionen Pfund investiert. Ein riesiges Labor, in dem ganze Flugzeuge oder Busse aufgebaut werden können — nur um zu erforschen, wie sich Menschen in Räumen verhalten. Und wie man Menschen formen kann, indem man ihre Umgebung verändert.
Welche Architektur setzt Ihrer Erfahrung nach bereits jetzt Maßstäbe? Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Ich organisiere Design Journeys. Wir besuchen Orte, um zu verstehen, was Unternehmen und Kulturen erfolgreich macht. Google Headquarters in London, Bjarke Ingels’ in Copenhagen, das UCL London Centre of Neuroarchitecture – und viele mehr. Es geht darum zu verstehen, wie Raum Innovation aktiviert.

Das MIT Media Lab in Boston beispielsweise gilt als eines der innovativsten Forschungsumfelder weltweit. Offen, transparent, Disziplinen nebeneinander, nicht hintereinander. Elf Nobelpreisträger sind kein Zufall.
Und diese Architektur basiert auf der Architektur der Wissensarbeit, die wir seit Tausenden Jahren kennen – der Klosterarchitektur.
Also haben Klöster schon New Work geprägt?
Das Grundprinzip ist ähnlich. In Klöstern sind Einzelräume zum konzentrierten Arbeiten stets verbunden durch einen zentralen Kreuzgang – den Ort der Begegnung.
Arbeit und Austausch waren räumlich miteinander verwoben. Dieses Prinzip ist hochmodern: Rückzug plus Gemeinschaft. Ora et labora.
Die Kantine kann heute dieser Kreuzgang sein. Klaus Bengler hat in einem Vortrag noch das Refektorium erwähnt – der Ort, an dem gemeinsam gegessen wurde. Ein Raum, der Hierarchien aufhebt, weil er nicht formal ist. Weil er Begegnung ermöglicht, ohne dass sie erzwungen wird.
Was hat die Kantine mit einem Kreuzgang gemein?
Über Jahrtausende war das Lagerfeuer der soziale Mittelpunkt einer Gemeinschaft. Dann der Raucherraum. Heute ist es im Unternehmen die Kantine – oder die Kaffeemaschine. Sie ermöglichen sozial-bereicherndes Verhalten. Ein Begriff übrigens aus der Zoologie.
Und was hat Zoologie mit Kantinenarchitektur zu tun?
In Zoos misst man Erfolg am „Behavioral Enrichment”. Das Design von Zoos soll ein bereichertes, aktives Verhalten anregen. Wenn Tiere nur fressen und schlafen, stimmt etwas nicht – sie beginnen, das Gehege zu zerlegen.
Das Prinzip des Environmental & Behavioral Enrichment – ein Erfolgsparameter bei der Gestaltung von Zoos – besagt jedoch: Wenn Tiere sich artgerecht bewegen können und sicher entfalten, funktioniert der Zoo besser. Und die Tiere generieren zusätzliche Revenue-Ströme bei den Besuchern.
Übertragen auf Organisationen heißt das Behavioral Enrichment: Wenn Menschen nur funktionieren, aber nicht interagieren, nicht inspiriert sind, nicht über ihren Tellerrand hinausdenken – dann ist die Umgebung falsch gestaltet.
Büros und Kantinen sollten eigentlich so ein Enrichment-Raum sein.
Gute Räume machen etwas mit uns. Schlechte lassen uns gleichgültig.
Sie haben vorhin vom MIT Media Lab gesprochen. Gibt es noch andere Beispiele, die Sie beeindruckt haben?
Ja. Ich war vor einiger Zeit bei Boston Dynamics in Massachusetts. Was Sie vielleicht nicht wissen: Deren Kantine ist größer als das Museum und die gesamte Fläche für Kundenpräsentationen zusammen. Fast so gebaut wie ein griechisches Theater mit Bühne für eine Rock Band. Das ist kein Zufall. Das ist Strategie. Das verändert die Atmosphäre. Es signalisiert: Hier ist Raum für das Unerwartete.
Welche Rolle spielt Hospitality?


Eine enorme. Gastfreundschaft bedeutet Aufmerksamkeit. In Japan zelebriert man Omotenashi – der Moment des Servierens ist ein Moment ungeteilter Präsenz. Das haben wir auf unserer Japan Journey verstanden. Es ist schwer in Worte zu fassen. Bedürfnisse erkennen und Aufmerksamkeit schenken.
Menschen vergessen vielleicht Worte. Aber sie vergessen nicht, wie sie sich gefühlt haben. Wer sich willkommen fühlt, entwickelt Bindung. Und Bindung ist in hybriden Arbeitsmodellen ein strategischer Faktor. Es ist der Grund, warum Gäste wiederkehren.
Was bedeutet das für Unternehmen, die heute über ihre Flächenstrategie nachdenken?
Sie sollten nicht mehr nur in Quadratmeter investieren, sondern in Zukunftsfähigkeit Räume mit hoher sozialer Anziehungskraft erzeugen mehr Präsenz, längere Verweildauer, stärkere Bindung – und am Ende auch mehr wirtschaftlichen Wert.
Ich nenne das Social Gravity, soziale Anziehungskraft.
Es reicht nicht, Räume anders zu gestalten. Man muss sie auch anders betreiben. Hin zu einem aktiven Hosting-Modell, das Begegnung bewusst kuratiert.
Das ist keine theoretische Überlegung. Das ist die Praxis der Unternehmen, die heute führend sind. Der Wert einer Immobilie liegt nicht mehr im Quadratmeterpreis, sondern in ihrem sozialen Wirkungsgrad. Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie groß ist die Kantine? Sondern: Wie sehr fördert sie Begegnung?
Ihr persönliches Fazit?
Die beste Art, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie selbst zu gestalten. Und vielleicht beginnt die nächste große Idee nicht im Konferenzraum, sondern dort, wo es nach Kaffee riecht. Dann werden Unternehmen bzw. „Companys” auch wieder zum Ort, wo „com panis” — also wo man zusammenkommt und das Brot teilt.
Die Frage ist nicht mehr, ob diese Perspektive relevant ist. Sondern wie schnell Unternehmen zukunftsfähig werden.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Zusammengefasst: Kantine der Zukunft
Gestaltung als sozialer Möglichkeitsraum:
- Zentrale Lage im Gebäude
- Offene, atmosphärische Gestaltung und Sichtbeziehungen
- Große Gemeinschaftstische plus kleine Rückzugsnischen
- Flexible Nutzung – vom Lunch bis zum Townhall
- Bewusste Inszenierung von Begegnung durch Tischabstände, Wegeführung, Sichtachsen
- Hospitality als Grundverständnis
Über Philipp Kirnbauer
Philipp Kirnbauer, Director Project & Design, Eurest/Compass Group, ist Designstratege und Hospitality-Visionär mit über 25 Jahren Erfahrung darin, wie Räume Kultur, Verbindung und Zusammenarbeit prägen. Er hat mit globalen Organisationen wie den Vereinten Nationen, Apple und der EHL Hospitality Business School daran gearbeitet, Immobilien und deren Hospitality-Formate als strategische Instrumente für Unternehmen neu zu denken. Als Initiator internationaler Research Dialogues erforscht er, wie Neurowissenschaft, Hospitality und Design zusammenwirken, um Räume zu schaffen, die Resonanz erzeugen.
Quelle: B&L MedienGesellschaft/GVMANAGER