Prof. Dr. med. Thomas Reinbold, Direktor der Klinik für Geriatrie am Klinikum Dortmund, über Screening und Diagnostik von Kau- und Schluckbeschwerden und die Bedeutung interdisziplinärer Zusammenarbeit.

„Die Ernährungstherapie zählt bei Dysphagie zu den wichtigsten Basismaßnahmen einer Behandlung.“
Prof. Dr. Thomas Reinbold
Herr Prof. Dr. Reinbold, welchen Stellenwert hat das Thema Dysphagie in der Geriatrie?
Schluckstörungen gehören zu den klassischen geriatrischen Syndromen. Mit zunehmendem Lebensalter steigt die Prävalenz der Dysphagie kontinuierlich an. So sind etwa 50 Prozent der Pflegeheimbewohner und der über 80-jährigen geriatrischen Krankenhauspatienten von einer Dysphagie betroffen. Schluckstörungen sind ein unabhängiger Prädiktor für schwerwiegende Komplikationen, insbesondere Mangelernährung, Dehydratation oder Aspirationspneumonie, und gehen grundsätzlich mit einem erhöhten Sterblichkeitsrisiko der Patienten einher. Erschwerend kommt dabei hinzu, dass viele ältere Menschen eine Dysphagie nicht wahrnehmen oder diese als unvermeidliche Begleiterscheinung des Alterns ansehen. Daher ist es besonders wichtig, dieses Störungsbild mittels eines pragmatischen Diagnostikalgorithmus zu erkennen und adäquat zu behandeln.
Wie kann man Dysphagie denn erkennen – vor allem in Klinik und Heim?
Wichtig ist ein strukturiertes Vorgehen. Die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie empfiehlt jeder geriatrischen Einrichtung bei neuen Patienten das „Dysphagie Screening Tool Geriatrie“ (DSTG) zu nutzen. Das ist eine DIN-A4-Seite mit geschlossenen Fragen, die sich durch ja und nein beantworten lassen. Beispielsweise wird abgefragt, ob der Betroffene aufrecht sitzen oder seine Zunge bewegen kann und ob die Stimme sich nach dem Schlucken ändert. Besteht aufgrund der Antworten ein Verdacht auf Dysphagie, verweist der Bogen auf entsprechende Maßnahmen.
Der Test lässt sich in rund fünf Minuten durchführen und kann gut in den Alltag integriert werden.
Ich würde befürworten, dass es sich auch bei neurologischen und speziellen Krebserkrankungen als Routine in Kliniken etabliert.
Darüber hinaus kann ein solches Screening auch in Pflegeeinrichtungen durchgeführt werden und wäre als Bestandteil der Routinediagnostik sinnvoll.
Braucht es für ein solches Screening einen Arzt?
Nach entsprechender Einweisung kann jeder das pragmatische Screening durchführen. Folglich können das auch Krankenschwestern, Pflegekräfte oder Hauswirtschafterinnen übernehmen.
Die detaillierte Diagnostik und Therapie der Dysphagie bedarf dagegen größerer fachlicher Kompetenz. Idealerweise sollten Ärzte, Logopäden, Pflegekräfte sowie Ernährungsfachkräfte interdisziplinär zusammenarbeiten.
Was passiert, wenn das Screening auffällig ist?
Dann braucht es eine weiterführende Diagnostik. Der Goldstandard ist für uns die FEES, die fiberendoskopische Evaluation des Schluckens. Das kann man sich ähnlich vorstellen wie eine Magenspiegelung, nur dass das Endoskop viel, viel dünner ist. Es wird durch die Nase in Richtung Schlund positioniert, und ermöglicht den Blick darauf, wie sicher unterschiedliche Konsistenzen geschluckt werden können. Das ist eine wichtige Grundlage für die weitere Therapie und auch für die Auswahl der passenden Kostform. Der Test kann auch ambulant im Krankenhaus durchgeführt werden, bei vielen HNO-Ärzten und Neurologen und teils auch in gastroenterologischen Praxen.
Bietet es sich nicht an, das Screening auf Dysphagie mit einem solchen auf Mangelernährung zu koppeln?
Grundsätzlich ja – das ist sinnvoll. Allerdings müsste man es konsequent aufziehen: An erster Stelle sollte ein verpflichtendes Screening auf Mangelernährung bei allen Patienten stehen. Dysphagie ist dabei eine mögliche Ursache einer Mangelernährung und sollte im Rahmen der weiterführenden Diagnostik gezielt abgeklärt werden.
Die Relevanz ist hoch: Bereits bei Krankenhausaufnahme sind etwa 25 Prozent der Patienten krankheitsbedingt mangelernährt. In der Geriatrie liegt die Quote über 50 Prozent, in der Onkologie bei rund 40 Prozent. Die Dunkelziffer unter Senioren, die zuhause leben, ist hoch.
Trotzdem gibt es bisher kein flächendeckend verbindliches Screening. Zwar ist das Thema inzwischen gesundheitspolitisch angekommen – unter anderem durch das Krankenhausreformgesetz und den Auftrag an den gemeinsamen Bundesausschuss zur Entwicklung von Qualitätskriterien – aber aktuell fehlen häufig noch strukturelle und personelle Ressourcen. Weniger als 10 Prozent der Kliniken verfügen über Ernährungsteams. Zudem ist die Refinanzierung ernährungsmedizinischer Maßnahmen bislang unzureichend geregelt.
Ein strukturiertes Vorgehen könnte Komplikationen reduzieren und die Verweildauer verkürzen – denn mangelernährte Patienten haben nachweislich höhere Komplikationsraten und längere Krankenhausaufenthalte.
Welche Nährstoffe und Mikronährstoffe sind in der Dysphagiekost besonders wichtig?
Hier gilt es zu differenzieren. Ist der Betroffene zusätzlich mangelernährt, dann sind eine ausreichende Protein- und Energiezufuhr entscheidend. Dieser Bedarf kann über Dysphagiekost und ggf. auch Trinknahrungen ausgeglichen werden.
Häufig liegt im Alter auch ein Mikronährstoffmangel vor, besonders an Vitamin D. Oft fehlen auch Selen oder Zink, worauf schlecht heilende Wunden hindeuten können. Dies gesondert zu analysieren, steht aber in keinem Kosten-Nutzen-Verhältnis, weshalb wir in der Klinik dann zusätzlich ein Multivitaminpräparat, abgestimmt auf das Krankheitsbild verordnen. Über die Ernährung kann man einen Makronährstoffmangel bei betagten Menschen, die wenig essen, in der Regel nicht ausgleichen.
Nichtsdestotrotz zählt die Ernährungstherapie bei Dysphagie zu den wichtigsten Basismaßnahmen einer Behandlung. Ergänzend sehe ich eine logopädische Schlucktherapie, die Verbesserung der Mundhygiene, Physio- und Ergotherapie.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Unser Experte
Prof. Dr. med. Thomas Reinbold ist Direktor der Klinik für Geriatrie am Klinikum Dortmund und ausgewiesener Experte für Altersmedizin. Als Facharzt für Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Gastroenterologie sowie zusätzlichen Qualifikationen in Diabetologie, Geriatrie und Ernährungs- sowie Notfallmedizin verfügt er über eine breit fundierte internistische und geriatrische Expertise. Gleichzeitig ist Prof. Dr. Thomas Reinbold Lehrstuhlinhaber für Geriatrie an der Universität Witten/Herdecke und hat eine Honorarprofessur für angewandte Ernährungswissenschaften an der CBS Hochschule in Köln. Seine fachlichen Schwerpunkte liegen insbesondere in der Ernährungsmedizin, der Behandlung von Mangelernährung und Dysphagie im Alter sowie in den Bereichen Stoffwechsel, Mobilität und Kognition bei geriatrischen Patienten.
Quelle: B&L MedienGesellschaft
Jetzt zum Newsletter anmelden!
Wollen Sie keine aktuellen News, spannende Hintergrundberichte oder Interviews wie mit Prof. Dr. Reinbold verpassen? Dann melden Sie sich jetzt hier zu unserem Branchen-Newsletter an!