Mangelernährung verursacht jährlich Kosten in Milliardenhöhe für das deutsche Gesundheitssystem und bleibt politisch dennoch weitgehend unbeachtet. Vor diesem Hintergrund hat Apetito gemeinsam mit Fachkräften aus Klinik, Forschung und Lehre, Pflege und Gesellschaft das Whitepaper „Besser Essen. Sicher versorgt.“ erarbeitet und im Deutschen Bundestag vorgestellt, um aufzuzeigen, warum Ernährung im Gesundheits- und Pflegesystem neu gedacht werden muss.
Whitepaper-Präsentation im Deutschen Bundestag
Das Whitepaper „Besser Essen. Sicher versorgt.“ von Apetito wurde im Deutschen Bundestag Abgeordneten, Wissenschaftlern, Pflegefachkräften sowie Vertretern von Verbänden und Medien vorgestellt. Im Mittelpunkt stand die gemeinsame Botschaft, dass Ernährungspolitik Gesundheitspolitik ist.
Albert Stegemann, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat sowie Gesundheit und Schirmherr der Veranstaltung, erklärte: „Ernährung ist in unserer politischen Debatte über Gesundheit und Pflege viel zu lange ein Randthema geblieben. Das muss sich ändern.“ Er betonte weiter: „Wer Mangelernährung systematisch bekämpft, stärkt die Resilienz der Menschen und verbessert ihre Lebensqualität. Zudem senkt dies Kosten und entlastet unser gesamtes Versorgungssystem.“
Dr. Jan-Peer Laabs, CEO von Apetito, hob in seiner Ansprache an die Bundestagsabgeordneten die Bedeutung des Themas hervor: „Wenn wir heute über die Zukunft unseres Gesundheits- und Pflegesystems sprechen, reden wir über Finanzierung, Strukturreformen und Fachkräftemangel. Aber über einen Punkt sprechen wir zu wenig: über Ernährung. Dabei ist Mangelernährung eines der teuersten Strukturprobleme unseres Gesundheitswesens.“ Er fügte hinzu: „Sicher essen zu können ist keine Nebensache. Ernährung entscheidet mit darüber, ob Menschen schneller genesen, länger selbstständig bleiben und würdevoll versorgt werden.“
Ausmaß und Folgen von Mangelernährung
Langjährige Studien zeigen, dass Mangelernährung das deutsche Gesundheitssystem bis zu 8,6 Milliarden Euro jährlich kostet. 20 bis 30 Prozent der Patienten in deutschen Kliniken sind krankheitsbedingt mangelernährt oder gelten als gefährdet. Laut Fachgesellschaften belaufen sich die volkswirtschaftlichen Folgekosten auf bis zu 8,6 Milliarden Euro pro Jahr, davon allein im Krankenhausbereich auf drei bis vier Milliarden Euro. Trotz dieser Zahlen fehlt es bislang an systematischen Screening-Strukturen und einer kostendeckenden Vergütung passender medizinischer Leistungen.
Vier Schwerpunkte des Whitepapers
Das Whitepaper bringt 13 Fachleute aus Klinik, Forschung und Gesellschaft zusammen. Nach Angaben von Apetito eint sie die Erkenntnis, dass Ernährung eine wichtige Rolle bei Prävention, Genesung und Lebensqualität spielt. Die vielfältigen Herausforderungen und mögliche Lösungen werden in vier Schwerpunkten dargestellt.
Im Schwerpunkt Special Nutrition widmen sich unter anderem Experten des Klinikums Osnabrück dem Thema Schluckstörungen, die in stationären Pflegeeinrichtungen rund 50 Prozent der Bewohner betreffen. Nur 56 Prozent des Pflegepersonals sind jedoch mit Handlungsempfehlungen vertraut. Experten der Charité Berlin und der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe plädieren deshalb für eine stärkere Verankerung der IDDSI-Standards. Diese einheitlichen Konsistenzstufen von Lebensmitteln – von dünnflüssig bis normale Kost – sollen eine sichere Ernährung ermöglichen, schwerwiegende Komplikationen durch Verschlucken verhindern und die Freude am Essen steigern.
Der Schwerpunkt Klinikverpflegung unterstreicht, dass Mangelernährung im Krankenhaus kein seltenes Einzelphänomen, sondern ein relevanter Risiko- und Kostenfaktor ist. Basierend auf diversen Untersuchungen ist davon auszugehen, dass weniger als zehn Prozent der deutschen Krankenhäuser über ein qualifiziertes Ernährungsteam verfügen. Zudem wird Ernährungstherapie noch nicht kostendeckend vergütet. Ein systematisches Screening bei der Aufnahme sowie eine individuelle Ernährungstherapie werden als medizinisch wichtig und wirtschaftlich sinnvoll beschrieben. Forscher des Kantonsspitals Aarau und des Klinikums Dortmund unterstreichen, dass diese Maßnahmen die Sterblichkeit, die Komplikationsraten und erneute Krankenhausaufenthalte messbar senken können.
In Pflegeheimen und der Tagespflege führen geteilte Zuständigkeiten zwischen Pflegekassen, Ländern und Kommunen dazu, dass kaum jemand verbindlich für eine lückenlose Ernährungsversorgung einsteht. Experten des Sozialverbands VdK, des Caritasverbands Leverkusen und des Bundesverbands Pflegemanagement zeigen, wie Zeitdruck und Fachkräftemangel die Versorgung zusätzlich hemmen. Sie fordern, pflegerische Leistungen in Sozialgesetzbüchern als eigenständige, abrechenbare Leistungen zu verankern und Ernährungsmanagement als präventive Pflegeleistung anzuerkennen.
Der letzte Schwerpunkt häusliche Pflege und Essen auf Rädern betrachtet die knapp 86 Prozent der Pflegebedürftigen in Deutschland, die zu Hause versorgt werden. Von ihnen werden nur etwa 25 Prozent systematisch auf Mangelernährung untersucht. Forschungsergebnisse zeigen, dass bedarfsgerechte Versorgung viel leisten kann: Mahlzeitendienste reduzierten in Studien Notaufnahme-Besuche von durchschnittlich 5,03 auf 1,45 pro Jahr. Täglich belieferte Personen berichteten zudem dreimal häufiger über ein geringeres Einsamkeitsgefühl. Experten der Hochschule Bochum und des Vereins Silbernetz fordern deshalb ein systematisches Screening und den Einsatz von Monitoring-Instrumenten, um Ernährung als festen Bestandteil von Prävention zu verankern.
Rahmenbedingungen und Reformdiskussion
Das Whitepaper erscheint in einer Phase intensiver Diskussionen über Gesundheits- und Pflegereformen. Das Krankenhausreformanpassungsgesetz strebt eine Richtlinie zur Qualitätssicherung bei Mangelernährung an. Das Whitepaper versteht sich als fachliche Grundlage und verweist darauf, dass bei Überlegungen zur Zukunft von Pflege und Gesundheit auch über Ernährung gesprochen werden müsse.
Jan-Peer Laabs fasst dies zusammen: „Ernährungspolitik und Gesundheitspolitik gehören zusammen.“ Er betont: „Die politischen Weichen werden gerade gestellt. Jetzt ist der Moment, Ernährung strukturell und systematisch in der Versorgung zu verankern.“
Das Whitepaper finden Sie hier.
Quelle: Apetito