Das Kaffeebarometer 2026 stellt Nachhaltigkeit in der globalen Kaffeeindustrie in den Fokus. Die Studie fordert anlässlich seines 20-jährigen Bestehens eine grundlegende Umgestaltung der Gewinnverteilung entlang der Lieferkette. Trotz historisch hoher Kaffeepreise sieht die Studie die Existenzgrundlage vieler Kaffeebauern weiterhin durch chronische Unterbezahlung, hohe Kosten und Klimarisiken bedroht und betont, dass Nachhaltigkeit nicht auf dauerhaft billigem Kaffee aufgebaut werden kann.
Strukturelle Verwundbarkeit trotz hoher Kaffeepreise
Die Studie beschreibt den Preiseinbruch 2001–2003 und die aktuellen Höchststände als zwei Seiten derselben Medaille. Auch deutlich gestiegene Kaffeepreise lösen demnach die grundlegenden strukturellen Probleme nicht. Die Existenzgrundlage der Kaffeebauern wird laut Kaffeebarometer weiterhin durch minimale Margen, stark gestiegene Kosten für Dünger und Betriebsmittel sowie das Risiko eingeschränkt, aufgrund des Klimawandels in Zukunft möglicherweise keinen Kaffee mehr anbauen zu können.

Sjoerd Panhuysen von Ethos Agriculture, Autor des Kaffeebarometers, sagt: „In den letzten 20 Jahren hat sich der Fokus stark verschoben: Die Öffentlichkeit sorgt sich heute weniger denn je um den Hunger in den Anbaugebieten als vielmehr um den Preis für den täglichen Espresso.“ Freiwillige Nachhaltigkeitsprogramme hätten in den vergangenen zwei Jahrzehnten zwar Bedingungen auf einzelnen Farmen verbessert, aber den globalen Markt nicht grundlegend verändert. Der Kaffeehandel ist laut Bericht weiterhin geprägt von kurzfristigen Geschäften, unvorhersehbaren Preisen und einem massiven Risiko, das überwiegend von den Produzenten im Herkunftsland getragen wird.
Gewinnverteilung, unbezahlte Arbeit und ungelöste Kosten
Das Kaffeebarometer verweist auf eine Wertschöpfungsverteilung, in der zehn Prozent der Ladenpreise einer Packung Kaffee faktisch durch unbezahlte Arbeit der Familien von Kaffeebauern subventioniert werden. Gleichzeitig generiert die Industrie erhebliche Gewinne, die durch Lifestyle-Produkte wie Kaffeekapseln oder Spezialitäten-Branding weiter angeheizt werden. Diese Gewinne fließen in Dividendenausschüttungen an Aktionäre, vor deren Hintergrund die Nachhaltigkeitsbudgets gering wirken, und werden in Steuerstrukturen geleitet, die Profite über Steueroasen umverteilen.

Für die Erzeuger bleiben laut Studie im Wesentlichen externalisierte Kosten: Kaffee ist zu billig und bildet weder existenzsichernde Einkommen noch die notwendige Klimaanpassung ab. Melanie Rutten-Sülz, Geschäftsführerin Solidaridad Deutschland, kritisiert: „Unternehmen finanzieren medienwirksam Farmer-Projekte und veröffentlichen Nachhaltigkeitsverpflichtungen, während ihr eigentliches Kerngeschäft unverändert auf dem billigen Einkauf von Rohkaffee und undurchsichtigen Handelsstrukturen basiert.“ Nach Einschätzung der Studienherausgeber werden bestehende Machtverhältnisse und harte kommerzielle Interessen weitgehend unangetastet gelassen. Solange sich Einkaufspraktiken, Risikoteilung und Wertverteilung nicht grundlegend verändern, werden Nachhaltigkeitsinvestitionen das eigentliche Problem umgehen, statt es an der Wurzel anzugehen.
Regulierung, Transparenz und die Gefahr des „Greenhushing“
Verbindliche Regulierungen wie die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) und die EU-Lieferkettenrichtlinie (CSDDD) werden im Kaffeebarometer 2026 als Instrumente beschrieben, die faire Wettbewerbsbedingungen schaffen könnten. Gleichzeitig warnt die Studie vor einem zunehmenden „Greenhushing“. Darunter versteht sie die Praxis, Nachhaltigkeitsziele stillschweigend zurückzufahren oder abzuschwächen, um öffentlicher Kritik zu entgehen.
Von 15 untersuchten Großunternehmen legt keines seine Preisstrukturen, Vertragslaufzeiten oder Aufschläge offen, die über den reinen Rohstoffpreis hinausgehen. Ohne diese Transparenz lässt sich nicht überprüfen, ob Unternehmensmittel die Situation in den Anbauländern tatsächlich verbessern. Der Übergang zu rückverfolgbaren, entwaldungsfreien Lieferketten erfordert zudem Investitionen, die Kleinbauern ohne gesichertes Einkommen nicht stemmen können. Die Finanzierung dieses Wandels sei nach Darstellung des Kaffeebarometers Aufgabe der Einkäufer und nicht der Produzenten.
Forderungen an Marktakteure und Politik
Das Kaffeebarometer 2026 hält fest, dass es nicht um eine Entscheidung zwischen Nachhaltigkeit und Profit geht, sondern um eine grundlegende Neugestaltung der Geschäfts- und Beschaffungsmodelle der gesamten Kaffeeindustrie. Der Klimawandel und der Verlust der Artenvielfalt verändern schon heute, wo Kaffee überhaupt wachsen kann und wie unberechenbar und kostenintensiv seine Beschaffung wird.
Die Studie fordert Röster und Händler dazu auf, existenzsichernde Löhne und eine klimaintelligente Beschaffung als feste, nicht verhandelbare Kosten im Kerngeschäft zu verankern. Eine faire, inklusive Beschaffung muss integraler Bestandteil des Kerngeschäfts sein und darf nicht als freiwilliges Investment behandelt werden. Die beteiligten zivilgesellschaftlichen Organisationen appellieren außerdem an die Politik, öffentliche Gelder an strukturelle Marktreformen zu knüpfen, strenge Gesetze für faire Wettbewerbsbedingungen zu erlassen und eine überprüfbare Offenlegung zur Pflicht zu machen, um echte Rechenschaftspflicht sicherzustellen.
Quelle: The Coffee Barometer
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