Im Bio-Guide erfahren Sie, wie die Umstellung auf biologisch erzeugte Zutaten gelingt.
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Bio-Guide Teil 1: Zertifizierung

Bio boomt โ€“ nicht erst seit der Pandemie. Doch wรคhrend der Lebensmitteleinzelhandel immer hรถhere Verkaufszahlen verzeichnet, hinkt der AuรŸer-Haus-Markt hinterher. Der Bund ร–kologische Lebensmittelwirtschaft (Bร–LW) schรคtzt den Anteil an Bio-Lebensmitteln im AuรŸer-Haus-Markt auf bundesweit knapp ein Prozent. Auch wenn viele Gastronomen die pandemiebedingte Zwangspause genutzt haben, um an ihrem Konzept und ihren Lieferstrukturen zu feilen und dabei Nachhaltigkeit mehr in den Fokus gerรผckt ist, herrscht bei vielen Gastgebern Skepsis was die Bio-Zertifizierung angeht โ€“ doch ohne Bio-Zertifizierung dรผrfen Bio-Zutaten nicht ausgelobt werden. Wir haben deshalb wichtige Fragen rund um die Bio-Zertifizierung im ersten Teil unseres dreiteiligen Bio-Guides fรผr Gastro-Profis zusammengestellt und klรคren auf รผber Audits, Lagerung und Bio-Siegel.

Warum sollte sich ein Gastro-Betrieb zertifizieren?

  1. Marketingfaktor

Mit Bio darf auf der Speisekarte nur geworben werden, wenn der Betrieb zertifiziert ist! Denn die EG-ร–ko-Verordnung legt fest, dass Betriebe der AuรŸer-Haus-Verpflegung, die Bio-Produkte einsetzen und ausloben wollen, verpflichtet sind am ร–ko-Kontrollverfahren teilzunehmen. Ausnahme: Kindertagesstรคtten, Schulen und รคhnliche nicht gewerbsmรครŸig betriebene Einrichtungen mit eigener Kรผche unterliegen nicht der Kontrollpflicht (dies gilt nicht fรผr den zentral agierenden Schulcaterer).

  1. Transparenz

Zudem honorieren immer mehr Verbraucher die Umwelt- und Tierwohlleistungen des รถkologischen Landbaus und sind bereit, dafรผr mehr zu bezahlen. Die Zertifizierung sorgt fรผr mehr Transparenz, denn die Verbraucher wollen qualitativ hochwertige und schmackhafte Lebensmittel und sie wollen wissen, wie diese erzeugt und verarbeitet wurden.

Wer fรผhrt die Zertifizierung durch?

Es gibt verschiedene Institute in Deutschland, die ein Bio-Zertifikat anbieten. Es ist sinnvoll, sich bis zu drei schriftliche Angebote einzuholen. So kรถnnen die Leistungen miteinander verglichen werden und man bekommt einen ersten Eindruck รผber die Arbeitsweise der ร–ko-Kontrollstellen.

Wie ist das Procedere der Erst-Zertifizierung?

Hat man sich fรผr eine ร–ko-Kontrollstelle entschieden, wird vor Ort eine Erstkontrolle durchgefรผhrt und der Betrieb bei der zustรคndigen Behรถrde des jeweiligen Bundeslandes gemeldet. Die Erstkontrolle wird anschlieรŸend vom Kontrolleur ausgewertet. Erfolgt eine Zertifizierung, wird die Bio-Bescheinigung ausgehรคndigt und der Betrieb kann starten.

Wenn ein Bio-Hinweis gesetzt wird, muss entweder eine Code-Nummer auf der Speisekarte angegeben werden oder die Bescheinigung muss fรผr den Gast klar ersichtlich ausgehรคngt werden.

Was genau wird bei der Zertifizierung geprรผft?

Vor der ersten Inspektion wird fรผr die ร–ko-Kontrollstelle eine Betriebsbeschreibung vorbereitet. Diese besteht aus einem Erhebungsbogen, der durch das Unternehmen ausgefรผllt wird und dazugehรถrigen Anlagen. In der Regel sind folgende Unterlagen erforderlich:

  • Lageplan des Betriebs mit Angabe zu Lagerung, Zubereitung und Abgabe der Speisen
  • Organigramm oder eine Liste des Personals
  • Bio-Bescheinigungen aller Bio-Lieferanten
  • Muster der Werbe- und Kommunikationsmaterialien (z.B. Speisekarte, Flyer)

Bei Folgekontrollen wird รผberprรผft:

  • Aktualitรคt der Betriebsbescheinigung: Stimmen die Ausgangsdaten noch?
  • Qualitรคtsnachweise der Rohstoffe und Wareneingangsprรผfung: Werden die Bio-Produkte auf den Lieferscheinen korrekt gekennzeichnet?
  • Trennung in Lagerung und Verarbeitung: Wird die Bio-Ware getrennt von konventioneller Ware gelagert und verarbeitet?
  • Kennzeichnung: Wird das Bio-Angebot korrekt ausgelobt?
  • Warenfluss: Stimmen die Verkaufszahlen mit den eingekauften Mengen รผberein?

Welche Kosten fallen an?

Die Kosten der Zertifizierung sind abhรคngig von GrรถรŸe, Unternehmensstruktur und Art des Bio-Einsatzes. Sie variieren dabei zwischen 250 und 800 Euro fรผr das Kontrollverfahren inklusive der Bio-Bescheinigung, die ein Jahr Gรผltigkeit hat. Meist werden die Kosten nach Aufwand berechnet. Bei der Erstkontrolle ist der Aufwand etwas hรถher, da Betriebsdaten und -beschreibung erstellt und erfasst werden mรผssen.

Brauche ich getrennte Lagerrรคume?

Es werden keine getrennten Lagerrรคume benรถtigt. Wichtig ist eine Kennzeichnung der Bio-Ware und die Gewรคhrleistung, dass sich Bio nicht mit konventioneller Ware vermischt. Das bezieht sich sowohl auf alle Lager (Trocken-, TK-, Kรผhllager) als auch auf die Kรผchenrรคume selbst.

Brauche ich Kochtechnik und Ausstattung in doppelter Ausfรผhrung?

Nein, die Ausstattung muss lediglich gereinigt werden, wenn etwa die konventionelle Ware und danach die Bio-Ware verarbeitet wird.

Wie oft wird mein Unternehmen kontrolliert?

Mindestens einmal pro Jahr erfolgt eine Kontrolle. Fรผr Gemeinschaftsverpflegung und Gastronomie erfolgen die jรคhrlichen Folgeinspektionen dann in der Regel unangekรผndigt.

Muss ich dann komplett Bio kochen?

Fรผr die AuรŸer-Haus-Verpflegung gibt es verschiedene Konzepte. Aus Sicht des Verbrauchers muss stets klar sein, wie viel Bio wo drin ist.

Mรถglichkeiten der Bio-Zertifizierung:

  • Speise

Die Bio-Speise ist ein zubereitetes Gericht. Wenn auf der Speisekarte โ€žBio Spaghetti Bologneseโ€œ steht, mรผssen alle landwirtschaftlichen Zutaten in Bio-Qualitรคt eingesetzt werden.

  • Menรผlinie

Ein Bio-Menรผ ist eine Speisefolge, die aus mindestens drei Gรคngen besteht, nรคmlich aus Bio-Vorspeise, Bio-Hauptgericht und Bio-Dessert.

  • Komponente

Wird bei einem Gericht nur eine Speisenkomponente als โ€žBioโ€œ ausgelobt, dann mรผssen alle Zutaten der Komponente aus รถkologischer Landwirtschaft stammen. Bei โ€žSpaghetti mit Bio-Bologneseโ€œ muss demnach die Bolognese inklusive Gewรผrzen in Bio-Qualitรคt sein.

  • Einzelzutat

Auch eine Bio-Zutat kann ausgelobt werden, zum Beispiel โ€žSpaghetti Bolognese mit Bio-Rinderhackโ€œ. Hier ist eine einzelne Zutat in Bio-Qualitรคt.

  • Rohstoffauslobung

Ebenso ist eine Bio-Rohstoffauslobung ist mรถglich. Auf der Speisekarte muss dann stehen: โ€žWir verwenden ausschlieรŸlich Bio-Rinderhackโ€œ. Dann darf ausschlieรŸlich Bio-Rinderhack fรผr Bolognese, Burger-Patties etc. verwendet werden.

Welche(s) Bio-Siegel darf ich verwenden?

Nach erfolgreicher Zertifizierung darf das sechseckige deutsche Bio-Siegel verwendet werden. Das EU Bio-Logo hingegen nicht, denn der gesamte Bereich der AHV ist in den EU-Rechtsvorschriften zum ร–kologischen Landbau im Gegensatz zur รผbrigen Lebensmittelverarbeitung nicht geregelt. Deshalb darf das EU-Bio-Logo nicht zur Auslobung von Speisen oder deren Komponenten verwendet werden. Es bleibt den EU-Mitgliedsstaaten รผberlassen, den Einsatz von Bio in der AHV auf nationaler Ebene zu regeln. In Deutschland ist daher das sechseckige deutsche Bio-Siegel zu verwenden.

Zudem muss die Codenummer der Kontrollstelle ausgewiesen werden (etwa auf der Speisekarte zusammen mit dem Bio-Logo) oder es wird fรผr den Gast sichtbar das aktuelle Zertifikat im Gastraum angebracht. Auch die Verwendung von Begriffen wie โ€žBioโ€œ, โ€žร–koโ€œ oder โ€žaus kontrolliert biologischem Anbauโ€œ ist dann erlaubt.

Und wenn die bestellte Bio-Ware mal nicht lieferbar ist?

Fรผr solche Fรคlle gibt es pragmatische Lรถsungen in Form von Aushรคngen oder Anschreiben. Die Kรผchen mรผssen allerdings in jedem Fall sicherstellen, dass die Gรคste vor beziehungsweise spรคtestens bei der Ausgabe der Gerichte รผber die tatsรคchliche Qualitรคt Bescheid wissen. Es muss klar dokumentiert und kommuniziert werden, welche Zutaten eingesetzt worden sind. Die โ€žberichtigendenโ€œ Anschreiben oder Aushรคnge, etwa mit der Aufschrift โ€žHeute wird konventionelles Rinderhack verarbeitetโ€œ, mรผssen dokumentiert und gegebenenfalls bei einer Kontrolle vorgelegt werden.

Was muss ich bei abgepackten Produkten beachten, die nicht selbst produziert wurden?

Keine Kontrollpflicht besteht fรผr den Verkauf von nicht weiter verarbeiteter Handelsware wie Bio-Getrรคnken in Flaschen oder Bio-Schokoriegel im Betriebskiosk. Fรผr den alleinigen โ€žWeiterverkaufโ€œ (Handel) von bio-zertifizierter Ware ist keine Bio-Zertifizierung des Betriebs erforderlich.

Auf welche Stolperfallen sollte man besonders achten?

  • Kennzeichnung

Fรผr den Gast muss klar ersichtlich sein, was Bio ist. Deshalb muss das Bio-Logo immer in unmittelbarer Nรคhe zu den Gerichten oder Komponenten angegeben werden, auf die es sich bezieht. Die ร–ko-Kontrollstellen, die im Bereich der Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung tรคtig sind, haben hier viel Erfahrung und helfen den Betrieben bei der Auslobung.

  • Lagerung

Im Bio-Lagerplatz hat konventionelle Ware nichts zu suchen. Wichtig ist, dass alle Mitarbeiter die unterschiedlichen Qualitรคten leicht erkennen kรถnnen. Auch eine farbliche Codierung oder das Anbringen des Bio-Zeichens helfen dabei. Wenn Kรผchen einzelne Komponenten โ€“ wie beispielsweise Teigwaren oder Kartoffeln โ€“ komplett auf Bio umstellen, kรถnnen sie damit das Verwechslungsrisiko ausschlieรŸen.

  • Einkauf/Deklaration

Achtung bei Produkten mit folgenden Kennzeichnungen: โ€žungespritztโ€œ, โ€žaus integriertem Anbauโ€œ, โ€žkontrollierter Landbauโ€œ, โ€žnaturreinโ€œ, โ€žumweltschonender Anbauโ€œ, โ€žspritzmittelfreiโ€œ oder โ€žohne Dรผngemittelโ€œ: Diese Produkte erfรผllen nicht die gesetzlichen Anforderungen der EU-Rechtsvorschriften fรผr den รถkologischen Landbau.

  • Wareneingang

Auf Lieferschein und Rechnung mรผssen Bio-Produkte klar als solche gekennzeichnet sein. Nur so kann der Einsatz von Bio-Ware auditiert werden. Die รผberprรผften und abgezeichneten Lieferscheine/Rechnungen sind am besten separat abzulegen, um sie bei den in der Regel jรคhrlichen Inspektionen vorlegen zu kรถnnen.

Kalkulationstipps und Gรคstekommunikation

Auch die hรถheren Kosten schrecken Gastronomen oft ab. Zusammen mit Ani Pauls, Projektmanagerin Beratung & Konzept bei Transgourmet, haben wir Gegenargumente gesammelt. In Teil 2 gibt sie Tipps zur Umstellung und Kalkulation und zeigt, dass ein Bio-Angebot kein Hexenwerk ist.

Neben einer guten Kalkulation spielt auch die Kommunikation mit dem Gast eine wichtige Rolle. Viele sind der Meinung, ihre Gรคste hรคtten kein Interesse an Bio. Doch stimmt das? Im letzten Teil unseres Bio-Guides fรผr Gastro-Profis erklรคren wir, wie Gรคste mit in Boot geholt werden kรถnnen und lassen Anwender aus verschiedenen Teilbereichen des Gastgewerbes zu Wort kommen.

Quellen: Aโ€™verdis (Hrsg.): Mit einfachen Schritten zur Bio-Zertifizierung. Der neue Leitfaden fรผr Gemeinschaftsverpflegung und Gastronomie. Mรผnster, 2017; C. Kirchner: Die nachhaltige Profikรผche in Theorie und Praxis. Mรผnchen: B&L MedienGesellschaft mbH, 2013; Oekolandbau.de, Zugriff am 15.06.2021.

Was muss bei der Bio-Zertifizierung beachtet werden? Wer fรผhrt sie durch und wie lรคuft sie ab? Wir klรคren wichtige Fragen rund um die Bio-Zertifizierung in der AHV....

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